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PAUL GAUGUIN. KOPF EINER BRETONIN
selber in dem Werk, als Mensch und Maler
besonders liebenswert. Es ist ein echtes Freundesbildnis
. Gauguin hat keines mehr gemalt,
das ihm so sehr von Herzen kam, mit solchem
Anteil aus dem andern das Innerliche, das
Rührendste herausholte wie dieses stille Bild
des unschönen und uneleganten Mannes mit dem
versonnenen Blick. Leise fluten die Farben
durch das Ganze hin, als vibriere die Malerseele
noch im Kontakt mit einer anderen, ihr tief
sympathischen Menschenseele. Ob wohl Cezanne
auch vor diesem Gauguin sein hartes W ort
gesprochen hätte: „Er ist kein Maler"?
Es gehen da die Aussprache hin und her. Am
wenigsten war Gauguin darum verlegen. Unwillkürlich
muß man angesichts eines Bildes
wie der „Bach" von 1885 (Abb. S. 87) daran
denken, wie schnöde sich Gauguin mehr als
einmal über den Impressionismus geäußert hat.
Er folgte darin einem Naturgesetz, das sich in
der Kunst wie in anderen Lebensgebieten auswirkt
, um so heftiger, als die Bindungen tiefer
sind. Von seinem impressionistischen Lehrer
Pissarro, dem er in unserem Bilde besonders
nahekommt, hat Gauguin stets mit hoher Achtung
gesprochen; der ganzen Richtung gegenüber
verhielt er sich gewalttätig — wenn nicht
gerade der Impressionismus wieder über ihn
Meister wird.
Das Bild von 1885 ist ein Paradigma impressionistischer
Landschaftsmalerei. Da ist nicht nur
das Rieseln des Lichts durch die Laubmassen,
das bewegliche Blitzen auf dem Wasser, das
Sichhaschen der Sonnenflecke über den Weg
hin. Das ungeheuer Wache, Feinnervige des
Beobachtung und Pinselführung in eins verschmelzenden
impressionistischen Farbenauftrags
, der der Natur in alle Einzelheiten folgt,
in den Strichlagen die leichtesten Boden wellungen
, das Niederhängen oder Aufstehen eines
Zweigleins wiedergibt, das hat Gauguin alles
übernommen, alle Mittel seiner Meister zur
Bewältigung der Uberfülle der Natur.
Zu oft hört man heute wiederholen: impressionistisches
Landschaftsbild, das sei Ausschnitt,
zufälliger Eindruck, Unterwerfung unter äußer-
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