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liehe Wirklichkeit, unter den Moment. Beim
Impressionisten Gauguin jedenfalls nicht. Er
herrscht, er ordnet. Hier schon darin, daß er
der erzählerisch wichtigen Stelle, dem Stück
Wald mit dem mitten im Wege stehenden
Jungen, die malerisch reichste Partie links gegenüberstellt
. Solches Gegeneinander erfüllt das
ganze Bild. Den Vordergrund mit dem Weg
lost ein lockerer Strich auf, macht ihn unmateriell
, nimmt ihm die Schwere neben dem Bach,
der mehr Körper hat, Form und Kraft, als das
Lebendige, das quillt und fließt. Ahnlich im
obern Bild teil. Das Feld hinten als Masse, als
kompakte Helle dringt vor zwischen den Baumstämmen
. Deren Reihe tritt zurück, erscheint
vertieft; sie werden beinahe zu Hohlformen.
So wird die stark räumliche Landschaft zur
Fläche zurückgebracht, zu einer Art Reliefwirkung
, in der die Wölbungen des Buschwerkes
und die Windungen der Stämme ihren
Formenrhythmus entwickeln. Das geht weit
über Pissarro hinaus.
An Gauguin zeugt mancher Zug im Leben von
robuster seelischer Verfassung. Auch äußerlich
war er ein Kraftmensch, der später nach Jahren
der Entbehrung noch eine ganze Bande von
Matrosen niederschlagen konnte. Da ist es sehr
merkwürdig, aber tief kennzeichnend, daß er
als junger Künstler sich den Zartheiten des
Impressionismus so völlig hingab. Sie blieben
in ihm wie ein Bestandteil des Blutes, der französischen
Rasse. Daß er sich ihrer hie und da
heftig erwehrt, gehört mit dazu. Es wäre eine
oberflächliche Auffassung von künstlerischer
Entwicklung, die Jugendperiode seiner Kunst
mit dem Wachsen des Künstlers in den bretonischen
Jahren als abgetan zu erachten, so wie
einer sein Hemd wechselt.
Die Bretagne half Gauguin zu dem Neuen, was
er über die impressionistische Ausdrucksweise
hinaus erstrebte. Die Bretagne, das Land und
die Menschen darin.
Die Bretonen, nicht etwa die Maler, die dort
um ihn waren. Freilich, an die Einwirkung
eines Malergenossen lassen gewisse Bilder denken
. Die „Heuerinnen" (Abb. S. 84) sind von
1889 datiert. Im Jahre vorher war Gauguin
bei van Gogh in Arles, von Oktober bis Dezember
. Ist in solchen Bildern, die bald hernach
in der Bretagne entstanden, der Einfluß van
Goghs? Die Sache liegt nicht so einfach, wie
man es hie und da lesen kann. Es gibt Bilder
von 1888, vor Arles, von denen dann dasselbe
gelten müßte. Die „Heuerinnen" mögen erst
an den Holländer erinnern. Die beiden durch
gemeinsamen Umriß aneinandergeschmiedeten
Figuren sind aber von einer Silhouettenwirkung
wie nie bei van Gogh. Den Hintergrund sodann
behandelt Gauguin dekorativ, aufsteigend,
macht eine Wand daraus. Van Gogh hätte die
Felder nach hinten gejagt. Hier wirkt noch der
abschließende Waldstreifen oben ebenso wie
die Felder, absichtlich. Das flache Wandbild ist
angestrebt, so stark, daß die kleinen Menschentupfen
hinter dem Vorhang aus dünnen Stämmen
sich ohne Gefahr einsetzen lassen. Auch
das kleinfarbige Leben, das über Felder und
Wald sich ausbreitet und keinen Grashalm unberührt
läßt, schafft nur kostbare malerische
Materie, keine Bewegung. Und ungeachtet der
Wucht der einen Gebärde, die das Heu hochwirft
, ist auch in den Figuren viel Ruhe, in
ihren Linien ist bretonische Trägheit. Gauguin
Jag das. Bei van Gogh ist der Kontur schon
dynamisch. Er reißt an den Umrissen, Gauguin
hält sie ruhig zusammen.
Man erinnert sich, wie Gauguin Ingres verehrte
, den van Gogh nicht leiden konnte. Man
empfindet den ganzen Gegensatz noch stärker
in einem kleinen Bilde, das obwohl bruchstückartig
und studienhaft aussehend ein fertiges
Kunstwerk ist (Abb. S. 85). Der Bildhauer
Francisco Durrio, noch heute Gauguins ge-
treuester Anhänger empfing es einst aus seinen
Händen. Der Kopf der bretonischen Frau, mit
der knappen Haube, die das Haar über dem
Schädel zusammenpresst, mit dem scharf betonten
Sockel der Schullern, muß dem Bildhauer
wertvoll sein. Auch Gauguin schuf damals
Plasik, als er das malle, nicht erst in Tahiti. Er
hat aber die plastische Form ganz ins Zeichnerische
und ins Malerische übergeführt. Und
wieder spürt man, auch in der Abbildung, die
impressionistische Belebungdurchein Herunterrinnen
der Farben über Gesicht und Kleid der
Frau wie über den Hintergrund, wo ein paar
Wellenzüge des Pinsels etwas Leichtigkeit und
Auflösung schaffen um die granitene Festigkeit
der Figur. In ihr ist klassische französische Tradition
. Diese Tradition ist auch in den Formen
der Maori-Gestalten, natürlich nicht im Sinne
des Akademischen. Aber nicht vergebens spukt
der Name von Puvis de Chavannes in der Gauguinliteratur
herum.
Gauguin berührt sich aber mit einem Größeren,,
welschen Namens, doch deutsch in der Künste
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