Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 88
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0120
In dem Wunderwerk des Museums von .Lyon
„Nave Nave Mahana" (1896, Abb. geg. S. 84),
das die Bekrönung der Ausstellung von Basel
bildete, ist er mit Hans von Marees verwandt,
suchte er dasselbe wie jener in seinen Hesperi-
den. Arkadien! Bei Gauguin flacher, leichter,
glücklicher, malästhetisch unendlich müheloser
hingebracht. Bei Marees gequälter, erkämpfter,
geheimnisvoller, undurchdringlicher. Marees
schafft sich seine Gestalt, Gauguin ist der Glücklichere
, der sie einfach aus der Natur nehmen
kann. Marees ist dazu symbolisch tief als Deutscher
. Aber die Parallele ist ungeheuer stark.
Freilich nur in wenigen höchsten Werken Gau-
guins wie diesem Lyoner. Hier ist auch nicht kosmischer
Tiefsinn bildlich gestaltet, aber einem
Traume irdischer Glückseligkeit ist Erfüllung
geworden in der absoluten vegetabilen Einheit
von Mensch und Natur. Daß das Wirklichkeit
werde im Bilde, dazu darf eines nicht fehlen,
was französischem Boden entstammt. Vom Impressionismus
ist Gauguin auch hier die Freude
am Schein, am sinnlichen Reiz der genußreich
materialhaft gemalten Oberfläche der Dinge
geblieben, im Gegensatz zu anderen Bildern,
wo ihn ein gewollt Symbolhaftes oder auch nur

Dämonenphantastik zu zwiespältigen Dingen
verführt, und der Traum am Maler scheitert,
in Stücke zerfällt.

Der exotischen Bilder sind es nicht wenige, die
solche Zwiespältigkeit und merkwürdige Unsicherheit
an sich haben. Da wird man plötzlich
dessen inne, daß man in dem Gauguin der Südsee
eben doch einen in weite Ferne verirrten
Europäer vor sich hat, der in einer ihm fremden
Welt steht, außer ihr steht und dies als echter
sensibler Künstler in seinen Werken auch kundtun
muß. Die bretonische Zeit erscheint daneben
einheitlich, bei aller Vielfältigkeit der
Ausdrucksweise, einheitlich erscheint daneben
sogar die Frühzeit und stark in aller Zartheit.
Hier ist Schwanken und bisweilen Schwäche.
Es ist daran aber etwas, was ergreift, Mitgefühl
erheischt. Man blickt in Gauguins Inneres, in
seine zerrissene Seele. Man hat den Mann vor
sich, der dann in seinen letzten Tagen noch
jenes Bild malte mit dem Kirchturm und den
bretonischen Hütten tief im Schnee.
Aber wir vergessen, was doch oft auch an der
Ausstellung in Basel gesagt wurde, daß Gauguins
Malerei ohne Seele sei.

Wilhelm Barth

ERICH HECKEL

Die Aufgabe zu Abbildungen künstlerischer
Werke einige Wrorte zu machen, sollte sich
dahin lösen, daß der Leser vom Reden geweckt,
zu sehen begehrt.

Heckeis hier veröffentlichte Bilder heben sich
deutlich von früheren bekannten ab. Die Zeichnung
, die vorher unmittelbar und zugespitzt
die Bedeutung der Gegenstände, die Bezauberung
des empfangenden Malers aussprach,
ist einer neuen Aufgabe zugewandt. Sie schildert
, sie stellt dar, sie wird aus Zeichen Nachzeichnung
. Ebenso wie sie gibt sich jetzt die
Farbe zunächst der Erscheinung hin und läßt
sich von ihr bestimmen. An gelösterem Reichtum
ist bei diesem Bildungsvorgang unendlich
gewonnen worden, schon weil nichts übergangen
werden mag, spaltet sich Farbe um Farbe.
Die Erregung des Malers, die Bildidee, stellt
sich nicht mehr nackt dar.

Mit der Darangabe der früheren Absicht werden
die Bildelemente: die Liebe des Gegenstandes,

der Einfall von Farbe und Aufbau, die besondere
Zeichenfähigkeit — freier und selbständige
)1. Und also müssen sie für jedes einzelne
Bild in eine neue Ordnung eingefangen werden.
Das ermöglicht Leistungen von wieder und wieder
erneutem Beziehungsreichtum, von früher
selten so dichter und reizvoller Knüpfung und
stellt sich doch wieder einer im Bilde durchschlagenden
und einheitlichen Lösung entgegen,
die vorher wohl leichter greifbar war. So ganz
einleuchtend und ohne allzu rasche Auflösbarkeit
ist das kleine Gebirgsbild (1923), das der
verlassenen Art näher als die anderen steht.
Die tatsächliche Ansicht versteckt und verliert
sich ganz im phantastischen Linienreiz,im zarten
unwirklichen Schwarz-Rosa. Das ist wie ein
neues Wesen, das lebt von sich. Man muß andere
Augen öffnen, um den Marseiller Hafen (1926)
zu sehen. Er gibt Ansicht, Darstellung eines
Lebensbereiches und keine solche unmittelbare
Einheit. So lebt er als Bild vor allem von einem

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