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KARL ZERBE. PIAZZETTA
CARL ZERBE*)
Der kunstsinnige Wilhelm Uhde, der so entschieden
für Henri Rousseau in Paris eintrat, hat
1923 den kaum zwanzigjährigen Novizen der
Malerzunft, Carl Zerbe, entdeckt und die erste
Ausstellung seiner Arbeiten bei Gurlitt in Berlin
vermittelt. Der ursprünglich zum Studium
der Chemie angehaltene junge Mann lebte damals
in Posilano bei Neapel, wo sich seine
Neigung zum Malerberuf in die Tat umsetzte.
Sein Lehrer wurde Josef Eberz in München.
Stärker noch fesselte ihn die kühne, ausbrechende
Verwegenheit eines Dix, und der Künstler
steht nun eine Zeitlang zwischen den Polen
dieser beiden verschiedenen Weltbetrachter.
Dann kommt das Erlebnis „Positano", das
immer mehr die frühere Unselbstständigkeit
bis zur Unkenntlichkeit aufhebt und eine eigene
*) Anläßlich seiner Ausstellung im Kunstsalon Caspari,
München.
Sprache erstehen läßt. Süditalien schärft das
Sehvermögen seiner Augen, und bereits heimgekehrt
, erschließen sich Zerbe gedanklich neue
Möglichkeiten für die Veduten des erlebten
Straßenbildes. So entstehen aus den mitgebrach-
tenSkizzen jene durch die Varietät der Flächenstellungen
auffallende Straßen- und Winkelstücke
, die sich ihm zum bildmäßigen Ausschnitt
runden. Das Landschaftserlebnis Zerbes trifft
sich hier mit den Gefühlen und Impulsen einer
Generation, die der Abstraktion des Expressionismus
mit der Wirklichkeitsbetonung der
„neuen Sachlichkeit" antwortete. Zerbe ist nicht
verdächtig, sich der Mode verkuppelt zu haben;
denn bald bezeugt er, daß diese Konstellation
nur Durchgangspunkt war, den er rasch hinter
sich läßt. Er findet in seinen Stilleben und Blumengärten
den von ihm als notwendig gefühlten
Verzicht auf die Kargheit der Farbe. Die
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