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schmale Kost behagt ihm nicht, und er entfaltet
eine sehr differenzierte Fülle von Tönen, die
zu den linear und flächig gehaltenen Straßenveduten
der Vorzeit wesentlich kontrastieren.
Zerbe ist nicht mehr offensichtlich konstruktiv,
er ist zu einer Selbstverständlichkeit der Gestaltung
gelangt, wie es das farbig abgebildete
Aquarell einer „Oberbayrischen Dorflandschaft
" sehr reizend zeigt. Der suggestive Ausschnitt
erinnert an intime deutsche Landschafter
des 19. Jahrhunderts, an die kristallische
Klarheit eines Haider etwa, und an die gläubige
Diktion eines Henri Rousseau. Ein geheimer
Reiz umwittert das Bildchen, ein, wie treffend
gesagt wurde, „magischer Realismus", ein irrationales
Etwas, das die feine Spürnase Uhdes
vorgeahnt haben könnte. Man darf erwarten,
daß sich die weitere Entwicklung und Neigung
des jungen Malers Zerbe in dieser Richtung auswirken
und vervollkommnen wird. Alfred Mayer
DAS MODERNE UND DAS MODISCHE
Alles Moderne hat einen heimtückischen Feind:
das Modische. Heimtückisch wie sonst keiner.
Alle Reaktion stellt sich dem Modernen ollen
gegenüber. Und gerade ihr Widerspruch treibt
das sinnvoll Moderne hinauf auf ihre Gipfel,
zwingt es zur äußersten Kraftentfaltung. Aber
das Modische ist ein Gift, das zwischen den
Falten des Modernen aufkeimt, das plötzlich
aufgärt und mächtig wird, mächtig durch die
betäubenden Gerüche, die es ausstreut. In den
Kunstbewegungen ist dieser Prozeß oft sehr
deutlich ausgeprägt: sobald eine moderne K unst-
bewegung modisch wird, ist sie verloren. Wir
haben noch alle in Erinnerung, wie ein snobistisches
Kunstgewerbe den Expressionismus und
den Kubismus ausbeutete — und ad absurdum
führte. Das Modische ist wie der Welkgeruch
einer Blüte — manchmal noch betäubend
üppig und verlockend, aber eben doch schon
Tod anzeigend und vernichtend. Wäre es nur
an dem, daß das Modische Vollstreckerin eherner
Lebens- und Sterbensgesetze sei. Wär e es
nur so, daß jede moderne Bewegung am Schluß
ihrer Wirkungskraft dem Modischen verfällt
und von ihr ins Zeitengrab gerissen wird. Es
wäre notwendiges Schicksal. Das Modische wäre
danneben ein pomphafter Leichenzug, den man
vielleicht geschmackvoller wünschen könnte,
der nun aber doch mal begangen werden muß.
Man würde ihn traurigen oder frohen Blickes
vorüberziehen lassen. Das ist aber nicht das
Wesen des Modischen. Das ist gefährlicher.
Es wuchert früher auf als erst in Sterbestunden
solcher Bewegungen. Sobald eine solche
ein gewisses Maß von Kraft und Geltung
erkämpft hat, ist das Modische auch schon da,
zwängt sich in alle Ritzen des breiten Lebens
umher und gibt sich den Anschein, das Neue,
das „Bessere", jedenfalls das Zeitgemäße zu
verbreiten und zu befestigen in den Gemütern
der Nachzügler. Und es wuchert aus, es verkrampft
sich in die Auswüchse, in die versuchsweise
aufgenommenen Gesten, in die begonnenen
aber noch nicht zu Ende durchgeführten
Experimente des Modernen. In der Musik und
in der Architektur ist es zur Zeit am augenfälligsten
. Erschreckend ist es zu sehen, was
für Unfug das Modische da anstellt mit den
ernst gemeinten Versuchen der Vorkämpfer.
Gefährlich ist es nicht nur für die Allgemeinheit
, die so getäuscht, um das wirklich Moderne
betrogen wird. Gefährlich ist es aber vor allem
für das Moderne selbst. Gefährlich nach zwei
Seiten hin. Einmal kompromittiert es das Echte
der im Fluß befindlichen Bewegung und lähmt
so dessen Auswirkungsmöglichkeiten. Dann
aber betäubt es die Kämpfer selbst. Es täuscht
Erfolge auf der ganzen Linie vor, wo doch
nur Surrogatschichten über das Alte gebreitet
\\ urden.
Wahrlich, vor nichts muß der wirklich Moderne
mehr auf der Hut sein als vor dem Modischen.
Und er darf sich durch dessen Auswirkungen
auch nicht einschüchtern lassen. Er
muß bei dem klar erkannten Ziele bleiben,
muß traurig lächelnd die Oberflächenerfolge
des Modischen, die ja nur Trübungen der
wir klichen Lage sind, wegstreichen aus seinem
Blick. Muß modern bleiben trotz alles Modischen
— sei es auch auf die Gefahr hin, von
den Snobisten und Modisten als reaktionär
verschrien zu werden. Dr. O. S.
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