Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 109
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0145
DER MALER MAX SLEVOGT*)

Gelegentlich des 60. Geburtstages des Malers
Max Sievogt konnte der Künstler in Berlin
durch eine Reihe Ausstellungen gefeiert werden
, die in der Vielfalt des Gebotenen einen
Reichtum und Umfang zeigten, der für die Gegenwart
ein fast einzigartiges Schaffen otren-
bart. Während im Kronprinzenpalais derZeich-
ner, im Kupferstichkabinett der Graphiker, bei
Bruno Cassirer der Illustrator gezeigt wurde,
schuf die Akademie mit einer großen Ausstellung
des Malers den Mittelpunkt aller Veranstaltungen
.

Uber Sievogt ist viel geschrieben und noch mehr
geredet worden. Heule, wo fast zweihundert
Gemälde, die diese eine Ausstellung zeigt, ein
totales Zeugnis eines in sich abgerundeten Werkes
bieten, ist wohl der Zeitpunkt gekommen,
wo man die Bedeutung des Malers würdigen
kann, und wo man zugleich in der Lage ist,
seine Grenzen zu erkennen. Es ist heule gleichgültig
geworden, ob man einem Künstler das
Etikett Impressionismus, Expressionismus oder
neue Sachlichkeit auf die Brust klebt. Wenn
Slevogt sich selbst im Vorwort seines Kata-
loges mit frischer Kampfeslust als Impressionist
bekennt, einer Kunst, die der Welt endgültig
die Augen geöffnet habe, und die die
eingeborenen Träume des Blutes in freier Naturanschauung
zu „realisieren" suche, so bedeutet
dies nichts anderes als ein persönliches
Bekenntnis. Mit unserer Stellungnahme hat
dieser Ausspruch nichts zutun. Wir versuchen
heute den Menschen zu erfassen, der hinter dem
Kunstwerk steht, und unsere Stellungnahme
ist nur insofern bedingt, als wir aus unserer
augenblicklichen Weltslunde heraus zu urteilen
gezwungen sind.

Mit dem Jahre 1890 beginnt das ausgestellte
Werk. Damals versuchte sich Slevogt nach vierjähriger
Lehrzeit von seinem Münchner Lehrer
Wilhelm v.Diez loszulösen in der Erkenntnis,
daß die neue Zeit mehr von einem jungen Menschen
erwarte, als die Erungenschaflen der alten
Meister nachzuahmen. Schon damals verblüffte

*) S. unsere früheren illustrierten Aufsätze über Slevogt im
Jahrgang 1905/6 März, 1914/15 Juli, 1915/16 März, 1920/21
Januar, 1922/23 Dezember.

der Künstler durch eineaußerordentlicheSicher-
heit und eine lebendige Auffassungskraft. Bilder
wie die „Mutter auf demSofa" oderdas „Doppelbildnis
der beiden Herren" lassen ihn bereits
aus der großen Schar der damals in München
vereinigten Begabungen heraustreten. Wenige
Zeit später muß Trübner in seinen Gesichtskreis
getreten sein. In dem Gemälde der „Danac"
zeigt der Akt des Mädchens die gleiche Verkürzung
wie das bekannte Bild Trübners, das
auf den Christus des Mantegna zurückgeht.
Davor sitzt eine alte Bäuerin, die in der Schürze
den Goldregen auffängt. Schwer kann man
sich heute noch vorstellen, daß dieses Gemälde
bei seinem Erscheinen im Jahre 1895 in München
einen Sturm der Entrüstung hervorrief.
Während dieses Bild farbig-trocken und recht
konstruiert anmutet, so entdeckt man deutlicher,
was in dem Maler steckt angesichts der Porträts
des Baron von Schirding oder des Karl Voll.
Dann findet man plötzlich ein helles Bildnis
„Frau mit einem Fliederstrauß" in herrlichen
lavendelblauen Farbtönen, sehr weich und zärtlich
gemalt. Hier leuchtet auf einmal die ganze
Bedeutung des Künstlers auf. Die Farbe musiziert
heiter mit fließender Lebendigkeit und zugleich
erkennt man, wie es dem Maler mehr
auf dieses Musizieren etwa als darauf ankam,
einen seelischen Ausdruck des dargestellten
Menschen zu offenbaren.

Dann kommen wieder viele Bilder, die blaß
und zuweilen völlig beziehungslos kalt sind.
Zweifellos ist dieser Maler stärker von der inneren
Bewegung einer äugen blicklichen Inspiration
abhängig als andere. Sie hält nicht immer mit
seinem Willen zum Malen Schritt. So hat sich
der Künstler häufig vor die Leinwand gesetzt,
ohne diese innere Erregung zu verspüren. Dabei
entstanden Bilder, die eine leere virtuose
Hand zeigen, mag es dasMaximilianeum von 1900
oder der Hindenburg von 1928 sein, und die
nichts mehr von der im Grunde kraftvollen
und reichen Persönlichkeit des Malers verraten.
Nach Slevogts Ubersiedlung nach Berlin im
Jahre 1901 spürt man, wie gut ihm die herbe,
vorurteilslose, frische Luft der Reichshauptstadt
bekam, und wie zugleich die Persönlichkeiten

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