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Liebermanns undCorinths auf ihn überstrahlten.
Daraals begann sich endgültig jene Aufhellung
und Durchleuchtung durchzusetzen, die später
zu den stärksten Werken des Künstlers führte.
Diese starken Werke, die unsere Zeit überdauern
werden, liegen nicht in den großen
Kompositionen. Wenn man bei einem Bild wie
„Der Ritter und die Frauen", das 1903 entstanden
ist und in den Besitz der Dresdner Galerie
kam, nicht verkennt, wie bravourös und brillant
es gemalt ist, wenn man den Reiz der Gruppenbewegung
zu würdigen weiß und ahnt, was der
Maler damit sagen wollte, so kann man doch
nicht verkennen, wie unglaubhaft und unsinnlich
das Ganze wirkt, und wie diese unbeteiligte
Kühle dem Thema und der Aufgabe widerspricht
. Emil Waldmann feiert in seiner Sle-
vogt-Biographie den weißen d'Andrade als eine
der bedeutendsten Schöpfungen des Künstlers
und gibt ihm vor Corinths „Florian Geyer" den
Vorzug. Sicherlich gehört dieses Bild zu den
stärkeren Werken des Malers. Aber es gelingt
nur mit Mühe, heute noch in lebendigen Kontakt
mit ihm zu treten. Der sprühende Augenblick
, der es schuf, ist verrauscht.
Die Bedeutung Max Slevogts glauben wir heule
an anderer Stelle zu entdecken. Jene wundervollen
tänzerischen, musizierenden Improvisationen
mit ihrem farbigen Reichtum weit gespanntester
Phantasie, wie sie in einer großen
Reihe kleinerer Gemälde zum Ausdruck kommen
, scheinen uns wert genug zu sein, Max
Slevogt in der Geschichte der Malerei einen besonderen
Rang einzuräumen. Das kleine Bild
„Don Quichotte" von 1907 mit seinem skizzenhaft
phantasierenden Pinsel mit der Atmosphäre,
die es umweht, mit seinen fliegenden Gestallen,
die wie mythische Figurinen erscheinen, hat
in der deutschen Malerei nicht seinesgleichen.
Diese kleinen Kunstwerke, mögen sie „Don
Juans Ende", „Simons Blendung" heißen, mögen
sie ein Souper bei dem Prinzen Luitpold, in
Nymphenburg wiedergeben, oder eine süddeutsche
Weiulaube mit Kindern, bei der man
die Erde dampfen sieht, und den Gesang über
den Feldern hört, oder mögen sie schließlich
gar die schaumgeborene Aphrodite zeigen, die
mit Tri tonen und wehendem Haar auf einem
unermeßlich blauen Meere segelt — alle diese
Bilder sind durchsprüht von einem Funkentanz
der Lebendigkeit, der den Beschauer packt.
Diese Geburt aus dem schöpferischen Augenblick
kommt auch den Porträts Slevogts oft
zugute. Dann, wenn der Künstlersich aus innerlicher
Berufung vor die Leinwand gesetzt hat
und nicht nur auf eine äußere Veranlassung hin,
dann funkeln und sprühen die Köpfe aus dem
Zentrumher mit seltsamer Intensität wie bei dem
Porträt des Architekten Roll, den Köpfen des
Prof. Plesch oder Max v. Wassermanns und man
verzichtet gern darauf, daß hier das im tieferen
Sinne Typische eines Gesichtes, gewissermaßen
der Mensch gegenüber der Ewigkeit (Corinth!),
wiedel gegeben wurde. Denn hier wurde im Nu
erhascht die strahlende Vitalität eines einmaligen
und individuellen Ausdrucks.
Jene Farbskizzen der musikalischen zarten Inspiration
fanden ihre Erfüllung in einer Serie
von Bildern, die nicht nur das Wesentlichste
sind, was Slevogt geschaffen hat, sondern überhaupt
zu den hervorragendsten Werken der
Landschaftsmalerei gehören. Es handelt sich
um jene, 1914 in Ägypten geschaffenen Gemälde
. Hier hat der Maler seine letzten Möglichkeiten
erfüllt und der Weg von der improvisierten
Skizze ist hier organisch in das vollendete
Werk hineingewachsen.
Mit einer in der Tat schöpferischen Genialität
hat er einen neuen und noch nie erhörten lichten
Farbenzusammenklang geschaffen. Der saftige
feuchte Pinselstrich gleitet bei aller Kraft mit
unerhörter Leichtigkeit über die Bilder, die
zart und schwebend als Gewächse der Natur
nicht verraten, wie fest und einmalig sie komponiert
worden sind. Hier eröffnet sich bei aller
Kargheit ein phantastischer Spielraum über das
Erlebnis Afrika, und wer die Helligkeit und
azurblaue Strahlung dieser Bilder in sich aufgenommen
hat, vergißt sie nicht wieder.
Bruno E. Werner
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