Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 112
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0148
tigt wurde. Der hohe Preis bildete nur den Anreiz
für eine allgemeine Beteiligung und war
schließlich nicht anders gedacht, als die bedingte
Bewertung des Ergebnisses, wie es eben sein
würde. Da das Preisgericht nachdrücklich ein
„im Ganzen beachtliches Niveau der deutschen
Porträtkunst" festgestellt hat, darf man dem
Stifter für seine Anregung dankbar sein. Ein,
historisch mit längeren Zeitspannen der Entwicklung
Rechnender, ein Museumsdirektor etwa
, würde vielleicht die Porträts der letzten 5
oder 10 Jahre eingefordert und damit größere
Chancen für einen künstlerisch bedeutsameren
Fischzug gewonnen haben. Aber gerade mit dieser
Überlegung stoßen wir auf den Kernpunkt
des eigenartigen Unternehmens.
Den Querschnitt durch ein einziges Jahr mochte
wohl nur ein Außenseiter, ein, nach einem Goe-
theschenWort, durch dieHintertüreins Problem
frisch Einbrechender wagen, der es in solchem
Doppelsinne tat: das augenblickliche Können
der Künstler, zugleich aber auch die typische
Eignung der Frau der Gegenwart als Modell festzustellen
. Vielleicht war es dies, was den Preisstifter
mehr noch als die künstlerische Zielsetzung
fast unbewußt reizte: die Frage nach
der kulturhistorischen Reife der Frau. Immer
wenn die Gesellschaft sich neu schichtet, neu
bildet, mit neuen Idealen sich durchdringt, neue
Zielefür dieAllgemeinheit aufrichtet, dann formte
dieFrauihrWesen neu; ihr Auftreten und Aussehen
veränderte sich allmählich und gewissermaßen
unter der Oberfläche, bis große Künstler
auftraten, die schärfere Augen, impulsivere Gestaltungskraft
hatten als die anderen, und diesen
neuen Frauentyp, nach dem sich dann wieder
die große Menge der Frauen richtete, kulturgeschichtlich
festlegten.Nur andeutungsweise
und ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien
die Namen einiger solcher Künstler aus dem
vorigen Jahrhundert herausgegriffen: David und
Ingres, Runge und Waldmüller, Makart und Albert
von Keller, Whistler, Lavery und Lembach.
Daß das Preisgericht der Aufgabe des Wettbewerbs
einen solchen Sinn auch unterlegte, beweist
sein oben angeführtes Doppelurteil. Ein
Bild, das in diesem Doppelsinn das malerisch
beste und zugleich kulturgeschichtlich typischste
war, herauszufinden, ist den Juroren sicher nicht
leicht geworden, und so frisch und liebenswürdig
das Jungmädel von Willy Jäckel dargestellt,
so sicher und meisterlich es in einem Geist heruntergemalt
ist, die Preiskrönung muß dennoch

als eine relative Verlegenheitsentscheidung bezeichnet
werden, womit weder den Preisrichtern
noch dem Preisträger ein Vorwurf gemacht
wird. Der Grund liegt darin, daß der Querschnitt
„kulturgeschichtlich" zu früh geschehen
ist. Ich bin überzeugt, daß Jäckels Bild auch noch
in späterer Zeit als eine tüchtige und charakteristische
Leistung gern anerkannt werden wird,
aber der Künstler wird selbst nicht sagen, daß
es, von der eben geschilderten Seite aus betrachtet
, nun den Typ der Frau von 1928 darstellen
kann, der in gedachtem Sinn maßgebend sein
oder werden könnte. (Das Preisgericht spricht
ja auch nur von einem Typ und erkennt damit
an, daß eine vollkommene, nämlich allseilige
Repräsentation nicht erreicht ist.)
Bisher repräsentierte die „Dame". Was den inneren
Begriff dieses Wortes, also die niemals zu
verfehlende Unterscheidung von der Halb- oder
Nichtdame betrifft, wird sie es auch künftig und
für alle Zeilen tun. Aber in Auftreten und Erscheinung
bereitet sich doch, wie wir ja alle wissen
und sehen, eine merkliche Änderung vor,
die von der Seite der sozialen Selbstständigkeit
und des Sportes komml. Man wird gern anerkennen
, daß das Jungmädel eine erfreuliche
W andlung durchgemacht hat, von der Type des
zuweilen etwas unweiblichen Wandervogels bis
zur „neusachlichen", unsentimentalen Entschlossenheil
, wie Jäckel sie darstellte, und wird
das Vertrauen haben, daß es sich einmal zur
Dame entwickeln wird; aber es würde wohl
selbst ein helles Lachen anstimmen, wenn man
ihm sagen wollte, daß es jetzt schon an der
Stelle, die bisher von der „Dame" eingenommen
wurde, die deutsche Frau repräsentiere.
Lassen wir die Forderung des „Jahres 1928"
beiseite, weil sie verfrüht kam, und betrachten
wir das Ergebnis des Wettbewerbs nur vom
künstlerischen Standpunkt, so sieht es gleich
ganz anders aus, und man darf sich einer guten,
geistigen wie handwerklichen Tradition der
deutschen Porträlkunst erfreuen. Zwar tritt
das früher so allgemein auch von den Künstlern
geforderte „Bildmäßige" sehr zurück, und
man fand nur ganz wenige Bilder, auf denen
das Modell in eine Umgebung gestellt und mit
ihr malerisch zur Einheit gebracht wurde; ja es
ist fast eine Scheu vor der Staffage, vor dem
Milieu, dessen bevorstehende Änderung man zu
ahnen scheint, zu betonen. Um so mehr durfte
man sich gelegentlich freuen über das erfolgreiche
Slreben einiger Wettbewerber, ihre Auf-

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