http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0158
L. A. KELLER
MÄDCHENKOPF
nen, messen, technisch darstellen oder nur gefühlsmäßig
ertasten? Hente, da Technik alles
meistert, sollte sie nicht auch das Schöne meistern
? In diesen Gedanken vertiefte sich Ignisin
seiner faustähnlichen Werkstatt heimlich Jahr
für Jahr, bis er endlich, plötzlichsein,, Heureka"
ausrufen konnte. Triumphierend verkündete er
es und gewährte einer Reihe berühmter Sachverständiger
Einlaß, das Ergebnis seiner Studien
zu bestaunen, Museumsdirektoren, Künstlern
, Professoren der Anatomie. Staunend betrachteten
sie zwei überlebensgroße Köpfe, die
derKünstler Romulus und Venus nannte, und die
an reiner Schönheit nach allgemeinem Urteil
hinter keinem der antiken Bildwerke zurückstanden
, fehlerloser noch als diese. (Vielleicht
ist Fehlerlosigkeit ihr Fehler?)
Ignis aber behauptete, diese Köpfe weder nach
lebendem Modell, noch von einer „certa idea"
getragen, wie Raffael die Inspiration nannte, geschaffen
, sondern einfach technisch errechnet
und nach dem aufgestellten Kanon menschlicher
Proportion geknetet zu haben. Die Messungen
waren mit Stecknadeln am Gips bezeichnet und
wurden von Nadel zu Nadel mechanisch ausgeführt
. Die Berechnung selbst hält er noch geheim
. Bereits knüpft sich manche Spekulation
daran. Schon ist die Musik gespenstisch in
Apparate gebannt durch allerlei Erfindungen
und mechanisiert in der Wiedergabe. Soll die
Skulptur, bis jetzt zu den freiesten Künsten
gehörig, Mechanisierung erfahren und schöne
Bildwerke ausgerechnet statt empfunden werden
? Soll jeder nach Rezept eine Venus von
Milo, einen Apollon herstellen können? Oder
besteht das Geheimnis des Ignis darin, daß
er ein bedeutender Bildhauer ist und daß ihn
die Zahlen nur angeregt haben, aber nicht bestimmt
? Unter anderem verspricht sich unsere
auf Körperpflege eingestellte Zeit auch den
Erfolg, lebende Menschen nach dem Schönheits
-Kanon zu entwickeln, durch Übungen
und Apparate. Aber noch hütet Ignis sein Geheimnis
. A. v. Gleichen-Rußwurm
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