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HELVETISCHER ALMANACH FÜR DAS JAHR 1808 (UMSCHLAG)
ihre Vollzähligkeit hin mit dem Verzeichnis
oder dem Text zu vergleichen, den Inhalt zu
erforschen, literarische Erstlinge zu entdecken
und so den wissenschaftlichen Verpflichtungen
nachzukommen. Aber wer sich einmal der Mühe
unterziehen wird, den wird eine reiche Ernte
lohnen. — Arabien ist das Heimatland der Al-
manache, wie von manchem europäischen Begriff
; von dort gelangten sie und ihre Bedeutung
nach dem Okzident. Ursprünglich waren sie
eine Art von Kaiendarien, auf astronomischen
Beobachtungen aufgebaut, später wurden ihnen
dann noch astrologische und andere Bemerkungen
beigefügt. Vom 15. Jahrhundert an
fanden die Almanache auch in Deutschland
ihre Verbreitung, zuerst in handschriftlicher
Ausfertigung, später durch die neu erfundene
Buchdruckerkunst, die sie weiteren Kreisen zugänglich
machte. Die wachsende Popularität
forderte Konzessionen: so veröffentlichte man
zu den ursprünglichen Kaiendarien auch Nachrichten
über den Hof, genealogische Notizen,
brachte Markt- und Meßberichte und unterrichtete
den Leser über alle Postkurse. Schließlich
fand man auch darin kein Genüge mehr
und druckte Anekdoten, kleine Erzählungen
und Gedichte ab; damit begrub man immer
mehr den eigentlichen Hauptzweck des Kalenders
, denn die astronomischen Nolizen nahmen
jetzt nur mehr den kleinsten Teil ein, die Almanache
wurden ein praktisches Handbüchlein
für spezielle Interessen und der Tummelplatz
zeitgenössischer Literatur.
Ahnliche Zwecke verfolgten auch die Taschenbücher
und schließlich verschmolzen die drei
Gattungen — Almanache, Kalender, Taschenbücher
— so sehr, daß man sie meist nicht mehr
auseinanderhalten konnte. In gedrängter Zusammenfassung
gaben sie ein praktisches Kompendium
von Anweisungen und Ratschlägen.
Immer mehr breitete sich die Mode aus, und
so entstanden neben den rein literarischen auch
noch viele Spezial-Taschenbücher, wie für die
Jagd, die Pferdezucht, Bienenzucht usw. Die
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