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E. A. BOURDELLE. BÜSTE DR. KOEBERLE
Die Gründerzeit ergab eine schreckliche Bilanz:
Die zweite Hälfte des 19. und das erste Dezennium
des 20. Jahrhunderts hatten keinen Stil.
Bourdelle aber stand, ein Schmied in seiner
Esse, und hämmerte. Mit dem Beethovenschädel
bat er den „ Balzac" Rodins erreicht. Der Torso
der Pallas Athene bleibt schon jenseits des
Bannkreises des Einsamen von Meudon. Das
Haupt des Herakles beschwört das Bildnis des
Apoll von Tenea. Bourdelle redet zu den
Geistern der Vergangenheit und aus heimlicher
Zwiesprache mit ihnen entsteht sein Werk.
Er ist seherisch begabt. Gleich
der dem Haupte des Zeus entsprungenen
Minerva gebiert er
die Idee aus der Form. Die
Bas-Reliefs der „Mitkämpfer"
sind auf höchste Ausdruckswirkung
gebracht. Damit wird
die Bemessenheit Laokoonscher
Schmerzgebärde ausgelöscht.
Aber das Uberquellen des Expressiven
verlangt sich in der
hieratischen Geste primitiven
Konturs. Das ergibt zusammen
eine einzigartige Pathetik, deren
durchgängiges V\ esen den lyrischen
Tonfall wie den dramatischen
Gestus beherrscht. Das
dichterische und kaustische Element
in Bourdelle schließen sich
nicht aus. Sein Schaffen ist unerhört
diszipliniert. Sein von
Unruhe getriebener Geist steht
schicksalhaft im Dienste neuen
Stil-Werdens. Er will das Monumentale
in der Bildhauerei,
denn er vergißt nicht einen
Augenblick ihre Wesens ver-
wa i] d ts ch aft mit der A rchi t e k tu r.
Man wirft ihm den Eklektiker
vor. Aber das Eklektische ist
Teilbestand seiner entwicklungsgeschichtlichen
Aufgabe. Sein
Werk wi rd für ein e spä t ere N a ch-
welt Signum grandioser Vorbereitung
sein. Er entreißt der Vergangenheit
den Schleier und trägt ehrenvolle Wunden aus
erbittertem Kampfe davon. Das Statische ist
ihm versagt. Sein Mickiewicz-Denkmal zeigt
es deutlich genug. Er ist vielmehr der große
Kanzelredner und Pathetikcr aus innerer Notwendigkeit
.
„Bourdelle est le heros en marche. . ." —
zum Ziel. Zu jener Einheit plastischen Gestaltens
, die in den Werken eines Teils der
jungen Generation sichere Erfüllung verspricht
. Hans Heilmaier
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