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strichen und etwa weiß abgesetzt. Ein paar
Stücke Acker, Wiesen und sonst immer wieder
Wald. Wasser und Felsen, Birken, Tannen,
Föhren und Granit.
Eine große Rolle spielt die finnische Badestube,
Sauna genannt. Es ist ein gesondert stehendes
Holzhaus, meist am See- oder Flußufer gelegen.
Das Innere von Rauch geschwärzt. Es gibt
einen aus Feldsteinen gemauerten Ofen und
hoch an den Wänden Holzstellagen zum Drauf-
liegen. Der Ofen wird voll Holz gesteckt und
angezündet, dann von außen auf die heißen
Steine Wasser gegossen, bis der Dampf die gewünschte
Temperatur erreicht hat. Der Finne
macht ausgiebigen Gebrauch von seinem „Sauna"
und es gibt hier unzählige Sitten und Gebräuche.
Eine große Ehre ist es, ins „Sauna" eingeladen
zu werden, und der Hausherr badet wohl selber
seinen Gast. Je mehr Leute zusammen sind,
desto schöner ist es im Bad. Es wird gesungen
und getrunken und erzählt und die Sauna-Bekannten
zählen fast zu den guten Freunden.
Ein Bauernhof ohne Badest übe wäre undenkbar
.
Im Winter bekommt alles ein vollkommen anderes
Gesicht. Die spiegelnden Wasser sind
verschwunden und statt dessen ziehen sich riesige
weite Flächen durch die I^andschaft. Ist
im Sommer das Boot Haimtverkehrsmittel,
so sind es nun Schlitten und Schi. Lang ausgestreckt
in dem niedrigen Schlitten zu liegen,
gut eingewickelt in Pelze, sanft gewiegt durch
das leise Schlingern des Schlittens und halb eingelullt
durch den knisternden Schnee und das
gleichmäßige Gebimmel der Glöckchen am Geschirr
, dabei eine unendlich reine Luft zu atmen
, das ist eine der wunderbarsten Stimmungen
, die man sich ausdenken kann.
Die Fahrt geht durch den Schärengürtel des
Ladogasees. Wie verschneite Wiesen zwischen
Hügeln, so ziehen sich die weißen, gefrorenen
Wasserflächen zwischen den Inseln hin. Der
Schnee liegt meterhoch und die langhaarigen,
kleinen Pferde haben schwere Arbeit. Stunde
um Stunde vergeht, längst sind die Inseln und
Bäume verschwunden. Wir befinden uns weit
draußen auf dem offenen Wasser. Ringsum
eine einzige weite, weiße Ebene, kein Horizont
mehr, alles verschwindet in der Unendlichkeit.
Die Luft hat sich getrübt. Aber auch rein
.alles ist nun weiß, der See, der Himmel und
selbst die nur noch schwach erkennbare Sonne.
Das ist nicht mehr nur weiß, es ist eine Symphonie
aus Weiß in den unerhörtesten Differenzierungen
, bei welcher man jedoch nicht
eine einzige all dieser Abtönungen auch nur im
geringsten anders als weiß zu bezeichnen vermöchte
. Unvermerkt wird alles unwirklich und
schemenhaft wie Watte, und dann bricht der
Schneesturm los.
Leicht, klar und heiter ist Finnland in der kurzen
Frühlings- und Sommerzeit. Unvergeßlich
in den weißen Nächten, scharf und rein im
S23ätwhiter, wenn man wieder Tag und Sonne
hat, aber unendlich herb, schwer und melancholisch
in der übrigen langen Zeit — vielleicht
gerade dann am eindrucksvollsten. Still ist es
jedenfalls immer. Wasser und Wald geben dem
Lande ein charakteristisches Gepräge. Unter
harten Bedingungen leben die ernsten, schweren
Menschen in und mit dieser Natur. Sie haben
Zeit, viel Zeit, reden wenig, sind ehrlich und
sehr gastfreundlich.
Helsingfors ist die Stadt. Eine moderne Großstadt
auf nordisch; weit, luftig und sehr sauber,
mit Parks, Boulevards, Häfen, Fabriken und
Arbeiterquartieren.
Sehr interessant sind die kleineren, alten Städte:
Wiborg, eine frühere Hansaniederlassung im
Osten, mit seinem Reichtum an originellen
alten Patrizierhäusern und mittelalterlichen
Baudenkmälern. Äbo mit seiner berühmten
gotischen Domkirche, dem Schloß und der Altstadt
, sowie das idyllische alte Nest Borgä, das
Rothenburg Finnlands. Die größten Orte befinden
sich fast alle an der Süd- und Westküste;
nach Norden zu wird die Bevölkerung immer
geringer.
Eine kleine Bahnlinie führt vom Nordende des
Bottnischen Meerbusens an die Südgrenze Lapplands
. Wenn in Finnland von Stille und Ernst,
Klarheit und Schärfe der Luft gesjarochen werden
kann, so trifft das in Lappland um ein viel -
faches zu. Hier stehen die stets abgerundeten,
langgestreckten Kurvungen der Tundren, die
gleich gerungenen Armen verdrehten Aste der
Föhren oder die überschlanken, zypressenartigen
gewaltigen Tannen, die zartverästelten Birkenbüschel
und die mehr als eleganten Formen der
Renntiere, gleich ausgeschnittenen Ornamenten
gegen den Himmel.
Eine göttliche Ruhe beherrscht alles. Das
Leben wird ganz einfach und eindeutig, Einsamkeit
wird zum Erlebnis. —
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