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er, da es auch Kubin gibt, nicht der Einzige der
Gattung. Und nun — wenn dies alles begriffen
werden kann, so wie es ist: muß man dann nicht
noch zugeben, d.iß die Werke Beckmanns im
Verhallnis zu dieser Situation wahre Wunder
der Schönheit vollbringen? Diese Zeit nach dem
Krieg war ein grauenhaftes Jahrzehnt. Beckmann
beschönigt nicht; aber sind seine Werke,
angesehen auf die Reinheit des Formalen, auf
Zeichnung, Komposition, Farbe, Malerei, ja
selbst auf den farbigen Geschmack, nicht doch
herrliche Dinge? Er kennt den Verfall der
menschlichen Physiognomie in unseren Tagen.
Dennoch bewahren seine Bildnisse eine naive
Frische oder eine infernalische Macht. Zuweilen
glaubt man, in seinen Bildern, namentlich denen
aus Italien, eine geheime Klassizität der Komposition
zu spuren — sogar dies, obwohl Beckmann
zu Italien gewiß nicht in einem konventionellen
\ndachlsverhälinis steht.
Etliche Bilder im schmalen Hochformat haben
— man denke nicht, dies sei eine Lästerung —
mit der Schönheit mittelalterlicher Kirchen-
feusler zu tun: durch die knappe Fügung in der
Komposition, durch die im Verhältnis zum
traumhaften Grauen der Bildinhalte fast liebliche
Feinheit des Farbig-Lichten. Es ist sehr
wohl möglich, daß Beckmann in solchen Bildern
etwas zu malen gedenkt wie die Fenster zu einer
imaginären Kirche unserer gottlosen Epoche.
Aber was in seinem Werk den großen Namen
„Stil" verdient, ist gleichwohl nicht herbeigeholt
; es ist nicht ausgedacht; es gehört der Macht
der Antriebe an, mit denen dieser schwere, ernste
Mann, dieser Arbeiter und Lastträger in der
Malerei unserer Zeit, ausgerüstet ist. Auch das
Geheimnisvoll-Hintergründige, das Rätselhafte
seiner Kunst ist nicht die Folge eines Willens,
sondern das Erträgnis seiner mit Ahnung beschwerten
Natur — einer Natur übrigens, die
mitten in ihrer starrenden Kraft auch die Empfind
lichkeit der feinsten Nerven besitzt. Seme
Kunst kommt aus ihm. Er kommt aus unserer
Epoche, und in Deutschland ist seine Kunst der
stärkste Ausdruck der Zeil; keiner von der
Generation kommt ihm gleich an Gewalt, nicht
einmal der außerordentliche und oft so wunderbare
Kokoschka. Aber eben diese.Verbundenheit
mit der Epoche ist auch die Bürgschalt für die
DauerseinerW erke. Das Bedeutendehat immer
den Nachdruck der starken Augenblicklichkeit
— und aus dieser Verfassung heraus führt unmittelbar
der Weg in die immerwährende Geltung
des Werks, des Namens. -Wilhelm Hausenstein
JOHANN HEIN
In allen Betrachtungen der Kunstgeschichte
aus der Zeit des Überganges vom 18. zum
lt). Jahrhundert ist die merkwürdigste Erscheinung
unter den Malern, die in einem engeren
Sinne mit den Dichtern der „Geniezeit" und
des „Sturm und Drang" in Verbindung stehen,
der Schweizer Johann Heinrich Füßli, immer
dargestellt worden wie von einer nebelhaften
Dämmerung umflossen, die das problematische
Wesen seiner Begabung nicht in dem gebührenden
Maße hat erkennen lassen. Eine umfangreiche
Ausstellung von Gemälden und Zeichnungen
Füßlis, welche im Sommer niQÖ im
Züricher Kunslhause stattgefunden hat, zeigte
nun die zugleich phantastische und individuellrealistische
Eigenart seines W esens, und angesichts
des mit außerordentlicher Sorgfalt zu-
*) Johann Heinrich Füßli. Dichter und Maler. 1741 —1825.
Von Arnold Federmann. Orell Füßli-Verlag, Zürich und
Leipzig.
RICH FÜSSLI*)
sam mengest eil ten Werkes ergab sich das überraschende
Resultat, v\ie nahe doch die schöpferische
Kraft Füßlis bis zu Goya heran, und wie
sie weiler reiche zu Hogarth und Blake, endlich
wie sich in ihr die V ereinigung des Grotesken
und Monumentalen mit aufregender
Gegenwäi Iigkeil, die Schärfe llodlers treifend,
durchgesetzt habe. Füßli trat aus dem Rahmen
der klassizistischen Malerei heraus und bewährte
sich als ein wichtiger Pat iner des Asmus Jacob
Carstens. Die literan'sche Belastung, an seiner
Malkunst getadelt, erschien geringer als bisher
angenommen wurde, die Tat igkeit des Illustrators
nicht mehr als entscheidend, und der Eindruck
der Ausstellung gipfelte in der L ber-
zeugung. hier wirklich einer durchaus „dämonischen
" Natur gegenüberzustehen, deren richtige
!' Platz in der Kunstgeschichte historisch
erst noch zu bestimmen sei. Ein Seilenblick
auf die gleichzeiligen Dichter zeigte außerdem,
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