http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0237
liehen wie schmerzlichen Satire umgibt, war
der Spiritus rector dieses Festes. Im Mittelpunkt
jeder „Vorstadthochzeit" stand stets ein
Theaterstück. Immer kam darin König Ludwig
der Zweite, der „Liebling des Bayernvolkes
", vor. Der unromantische Karl Arnold
stellte mit unnachahmlich komischer Grandezza
, in die wohl auch ein Funke von Ernst
hereinschlug, den Romantiker auf dem Thron
dar: halb Lohengrin, halb Augsburger Chevaux-
leger, schaute er aus seinen tiefen, feuchten
„Rehaugen" verträumt und schwärmerisch in
den Saal; seine kecke Nase, fürwitzig und gescheit
, hob er gleichsam schnuppernd nach
oben, sie war die fleischgewordene Satire der
ganzen Gestaltung.
So oft ich im „Simplicissimus" einer Karikatur
Karl Arnolds begegne, steht ungerufen der
König Ludwig der „Vorstadthochzeit" hinter
dieser Zeichnung auf. Phantastisch und spießig
zugleich, scharf-sachlich und grandios komischromantisch
. So sind auch Arnolds Zeichnungen,
die heute neben denen der älteren Künstler
LIeine, Gulbransson und Thöny den Charakter
dieses letzten großen satirischen Witzblattes
Europas bestimmen.
Von der Malerei ist Arnold ausgegangen, nachdem
eine kurze Episode des Muster- und Tapetenzeichnens
,mit dem man zu Hausein Coburg
den Kunsttrieb des jungen Mannes zu kanalisieren
gedacht hatte, schmerzlos überwunden
war. Landschaften und markant geprägte Bildnisse
waren da, auch auf die religiösen Kompositionen
Arnolds aus dieser Zeit habe ich schon
hingewiesen. Dann kam der Krieg und führte
auf den schicksalreichen Wegen, die wir damals
alle gingen, Arnold zur „Liller Kriegszeitung
", deren oberster Chef Paul Oskar
Höcker war und an der auch Rudolf Schiestl
mitwirkte. Wer heute ein komplettes Exemplar
dieser verbreitetsten und merkwürdigsten aller
Kriegszeitungen besitzt, hält ein unvergleichliches
Zeit- und Kulturdenkmal in Händen,
nicht zuletzt dank den Karikaturen Arnolds,
der damals zum großen graphischen Gesellschaftssatiriker
erwuchs, der sich in lustiger,
24*
187
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0237