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KARL ARNOLD. AM MEER
Humor mehr liegt als Witz, die gestickle
Joppe eines Münchner Spießbürgers mit fast
pedantischer Akribie und mit einem an die
Meisterstücke der Schönschreibkünstler gemahnenden
Sauberkeit und Sicherheit des
Striches ins ßild setzt, so ist es ein Stück zeitgenössischer
Kulturgeschichte.
Noch eine andere Seite im Schaffen Karl Arnolds
lernten wir neuerdings kennen: es sind
seine Märchenzeichnungen zum Schlaraffenland
. Sie sind vorzüglich und ganz persönlich
in Linie und Farbe, durchaus in die Fläche
projiziert und darum beste, reinste Graphik,
von sprudelnder Fülle und Phantasie in der
Erfindung der weit über das ursprüngliche
Märchen hinausgehenden Situationen and von
jenem behaglichen, vegetativen ßejahertum der
Freuden des Lebens, das ansteckend und aufbauend
wirkt und das die positiven Seiten im
Schaffen und Wirken des Satirikers enthüllt,
der im Grunde doch ein Verneiner sein muß.
Georg Jacob Wolf
KARL ARNOLD. KUH IM GEWITTER
DAS GEHEIMNIS DER
FORM
Kunst ist gestaltetes Gefühl, Kristallisation
einer Seelenkraft. Außen und Innen sind hier
ganz in Einheit. Wir berühren mit den Sinnen
die Form und zugleich dringen wir durch bis
zur tiefsten Seele. Denn das Außen des Kunstwerks
ist geladen mit psychischer Energie.
Hier liegt das Geheimnis, die Schwierigkeit,
das Rätsel. Was ist das für ein seltsames Ding,
das leuchtend dasteht im Sonnenlicht und zugleich
die verstecktesten Mächte des Abgrunds
offenbart? Es ist das Geheimnis jedes Lebendigen
. Und darum ist dies der Schlüssel zum
Verständnis: die Form ist lebendiger Organismus
.
Wie bei einem Tiger jeder Punkt des Felles,
die Zähne, die Tatze, wie überall die Seele
Tiger gegenwärtig pulst, so auch bei dem
echten Werk des Meisters: ganz ergossen in
Gestalt atmet ein Organisches.
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