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unendliche Weite, sondern begrenzter Raum,
nichtmehrWolkenhimmel und wehende Bau me,
sondern kubische Häuser und umzirkeJnde
Mauern gab ihr ihren Charakter. Es herrschte
für den Maler fast ein antipodisches Gesetz und
mitErnst und Ehrlichkeit strebte er danach, die
neue Räumlichkeit einzufangen.
Soweit man im Kunstwerk die äußerlichen
Gestaltungskräfte zu trennen vermag, so kann
man bei Gawells neuen Arbeiten feststellen, daß
die Farbe ihren beherrschenden Charakter aufgeben
mußte, um sich mit der linearen Form
in den Bau des Bildes zu teilen. Die Farbe
wurde gedämpfter und das Licht, das früher
dazu gedient hatte, dem Bild den dunstigen
Hauch der traumhaften Unwirklichkeit zu verleihen
, trat nun in den Dienst einer höchst gegenwärtigen
Aufgabe und einer klaren Gliederung
. Ein Meer, das früher sich in ewiger Ferne
verlor, wurde nun zu einer metallischen Kuppel,
die von den Bergen der Bucht umfaßt wurde.
Die Bilder gewannen bei fortschreitender Arbeit
einen Zuwachs an gesunder Sinnlichkeit,
der dem Künstler zugute kam. Ein welkender
Baum an einem nordischen Dorfrand kann
ein flammendes Brandfanal sein. Ein Feigenkaktus
vor einer kalkigen Mauer ist jedoch ein
recht wirkliches und tastbares Pllanzengewächs,
das kaum eine Verzauberung zuläßt.
Es ist das Schicksal mancher deutscher Maler
gewesen, in der Zwangsläufigkeit dieser südlichen
Gesetze das eigene Wesen und damit die
Bedeutung zu verlieren. Von einem solchen
Aufgehen in fremder Sphäre ist Oskar Gawell
weit entfernt. Seine Malweise besitzt eine bodenständige
Kraft und so gibt jedes dieser italienischen
Blätter das Ringen wieder, mit. dem der
Künstler sich eine neue Provinz einverleiben
wollte. In den besten dieser Aquarelle hat die
entsagungsvolle Einfühlung eine feine und edle
Synthese geschaffen. Aquarelle jedoch sind wie
immer Notiz und gerade das Verdienst dieses
Künstlers ist es, daß er in Italien vermieden hat,
im Koloristischen zu erstarren. Seine jüngsten
Gemälde beginnen die südlichen Erfahrungen
zu verarbeiten. Sie beweisen, daß man Oskar
Gawell eine Zukunft prophezeien kann.
Bruno E. Werner
FÄLSCHER
Die Fälscheraffäre des Bildhauers Alceo Dossena
in Rom, die in Kunstsammler- und Kunsthändlerkreisen
das größte Aufsehen erregte
und in ihrer Art der weitläufigste und umfassendste
Kunstschwindel der letzten Jahrzehnte
ist, muß einen über den eigentlichen Fall hinaus
besinnlich machen. Man weiß, daß seit Kriegsende
in Rom eine ganze Reihe von herrlichen
Renaissance-Skulpturen um sehr hohen Preis
zumeist nach Amerika, zum Teil auch an
amerikanische Museen, verkauft wurden. Es
handelte sich um angebliche Werke von
Simone Martini, Mino da Fiesole, Giovanni
Pisano, Donatello usw. Wohlverstanden: es
waren keine Kopien oder Varianten nach Werken
dieser Meister, sondern Schöpfungen, die
die markanten Stilmerkmale der Werke dieser
Großen trugen, und denen auch die kleinen
Kennzeichen ihrer Handschrift in technischer
Hinsicht nicht fehlten. Eine Anzahl dieser
Plastiken ging in ausführlichen Beschreibungen
in die Kunstliteratur ein. Ausgezeichnete Ken-
PROBLEME
ner, Museumsbeamte, erfahrene Sammler
traten für die Werke ein; es hieß, keine der
bekannten Schöpfungen dieser Klassiker sei
besser als dieses oder jenes der neu in Erscheinung
tretenden Werke. Da bezweifelt als erster
Leo Planiscig, Kustos des Kunst historischen
Museums in Wien, die Echtheit des einen und
anderen Werkes, das aus dem Kunsthändlerkreis
hervorgeht, der Amerika mit den herrlichen
Renaissance-Skulpturen versorgt. Alsbald
meldet sich der Bildhauer Alceo Dossena in
Rom, bekennt sich als Autor dieser Arbeiten,
beteuert aber seine Unschuld in nachdrücklichster
Weise. Er habe für die Kunsthändler gearbeitet
, habe wenige tausend Lire für ein
Werk erhalten, für das sich, wie er jetzt erfahre
, die Händler hunderttausende Dollars
zahlen ließen; man habe zu ihm von Ausstattungen
von Kirchen in diesem oder jenem Stil
gesprochen, und so seien seine Arbeiten, von
denen er später nichts mehr gesehen und erfahren
habe, entstanden. Sicher ist: Alceo
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