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D AUMIER
Zeit seines Lebens hat Daumier gezeichnet, notgedrungen
, um Brot und Tabak zu kaufen, nicht
nur dem Drang seines Genius folgend. Einmal
löste er den Kontrakt mit dem Journal — um
seines künstlerischen Selbsts willen. Nach drei
Jahren war er wieder Aktualitätenzeichner. Das
Bankett, mit dem der Charivari seine Rückkehr
feierte, war für Daumier das Totenmahl seines
unabhängigen Künstlertums. Er mußte wieder
nachts, umstellt von den lithographierten Steinen
, auf die am Morgen der Charivari wartete,
seine Holztafeln malen, um die sich niemand
kümmerte. Die Arbeit bei schlechtem Lampenlicht
ließ seine Augen fast erblinden. Notdürftig
fristete er seinen Lebensabend von einer
kleinen Pension, die ihm die dritte Republik
gewährte. Die Freunde erhoff ten von einer Ausstellung
seines Werks, die erstmals auch die
Leistung des Malers zur umfassenden Anschauung
brachte, eine materielle Hilfe für den Greis.
Aber nicht einmal die Kosten wurden eingebracht
. Als Daumier in dem kleinen Landhause
zu Valmondois, das ihm in seiner bittersten
Not Corot geschenkt hatte, am 11. Februar vor
nunmehr fünfzig Jahren starb, mußte er auf
Staatskosten beerdigt werden.
Die traurige Ballade dieses Lebens hat ihren
Sinn und ihren Grund in Daumier selbst. Die
Spannung zwischen seinem notgedrungenen
Journalismus und seinem Genius, der sich auf
den Holztafeln ungleich ergiebiger zu äußern
vermochte, gehört zur Essenz des Daumierschen
Werks. Die weite rauschende Welt der rund
viertausend Daumier-Lithographien wäre nicht
von jener aller Aktualität entrückten Gültigkeit,
stände nicht der Maler dahinter, wären diese
„Karikaturen" nicht ins Zeichnerische versetzte
räumlich-plastische Malerei. Umgekehrt aber
wäre Daumiers gemaltes Werk nicht von jener
substantiellen schöpferischen Phantasie, die die
neue, bürgerliche Welt mit shakespearescher
Wucht und Weite kündet, ohne Daumiers Rebellentrotz
und soziales Ethos, das in der Karikatur
sich eine gewaltige, noch ungehörte Sprache
und scharfe Waffe schuf. Die Lithos gleichen
in der Tat, wie Klossovvski, der deutsche
Daumierbiograph sagt, dem versammelten heimlichen
Schatz, von dem Dürer spricht. Daumiers
Aktivität ließ keine Flucht aus dem Leben in
ein selbstgenügsames l'art pour i'art-Künstler-
tum zu; Barrikadensturm, Bänkelsänger, Seiltänzer
, Wäscherinnen waren ihm keine bloße
literarische Angelegenheit, noch hatte für ihn
das Bauerntum die romantische Glorie, die ihm
Millet gegen alles Programm doch schließlich
gab. Er war den Dingen wirklich nahe, die seine
Bildnerhand ergriff. Er war halb willig, halb
widerstrebend nicht nur als Zeichner aktueller
Satire, sondern nicht weniger auch aus seinem
Wesen heraus in den Kampf des Tages notwendig
verstrickt. Das Seltsame und Große an
ihm jedoch ist, daß in seiner Hand die Karikatur
alles bloß Anekdotische, Zufällige, plump
allegorisch Anspielende, alles engherzig Tendenziöse
verliert. Er spottet nicht aus der Froschperspektive
über die gelegentliche Schwäche
des Großen, sondern rückt mit Unerbittlichkeit
den Kleinen auf den Leib, dem Bourgeois, der
sein entartetes Menschentum hinter pompösen
Westen, Fracks, Halsbinden und Talaren, hinler
der hohlen Flerrengeste verbirgt — der
irgendeine Rolle spielen muß, um der leidigen
Selbsterkenntnis zu entgehen. In allen Lebensstufen
und Lebenslagen: in der Kammer, im
Gerichtssaal, im Theater, in der Familie, auf
der Straße, im Schlafzimmer, beim Bade, in den
Kunstsalons, auf der Eisenbahn ist Daumier
ihm nachgegangen und hat ihn in seiner
trostlosen Banalität gezeigt, hat sein Wesen
im Schein und jene Lächerlichkeit enthüllt,
die nach Schopenhauer in der Inkongruenz
zwischen dem, was einer scheinen will, und
dem, was einer in Wirklichkeit darstellt,
gründet.
Aber die Lithographien für die Journale bewegen
sich nicht nur in dieser Sphäre lachenden
Spotts. Sie greifen hinüber auch ins Symbolische
, besonders in den späteren Blättern; es
steht da etwa eine schlanke verhüllte Frau in
wortloser Trauer vor dem ins Endlose sich
dehnenden Feld, mit den ungezählten Toten-
leibern des Kriegs übersät oder vor dem zie-
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