Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 208
(PDF, 106 MB)
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henden Heere ragt in herkulischer Krafl der
Tod mit geschlossenem Visier, zum Kampfe
herausfordernd. Vereinzelt aber steht in der
langen Reihe der Lithos ein frühes Blatt: das
Massacre in „Nr. 12 rue Transnonain". Es ist
tragische Szene großen Stils; ganz erfüllt von
Delacroix und weiter über die Jahrhunderte
hinweg von Rembrandt beschattet. Es ist nichts
übertrieben. Aber die Sachlichkeit, mit der
Daumier die grauenhafte Stille dieser düsteren
Mordstube, in die das Tageslicht breit über das
weiße Linnen des Betts mit dem erstarrten
Körper in einer Blutlache davor einfällt, ist ein
nicht minder schwer wuchtender Hieb — die
Zensoren haben es erkannt — als die drastischen
Karikaturen, in denen Daumier den
Bürgerkbnig, die Parlamentarier, Richter und
Anwälte an der einzigen Stelle angreift, die
der bürgerliche Lindwurmpanzer dem Pfeile
freigibt.

Diese Stube mit den vier Leichen enthüllt das
wahre Gesicht Daumiers, den Maler, der erstmals
i848 mit einer grandiosen Allegorie der
Republik, die zu malen ihn Courbet bestürmt
hatte, an die Öffentlichkeit trat. Dieselben Szenen
, die er auf die Steine zeichnete, erscheinen
wieder in den Gemälden. Auch in ihnen reckt
sich wieder und wieder der enlhüllungssüchtige
Elhiker auf, der Rebell, der Mann, der von
unten kommt und den Abstand zum Bourgeois
nicht verloren hat, der die Sicht aus menschlicher
Einfalt sich nicht trüben ließ, was ihn
sowohl zum Satiriker wie zum Epiker der bürgerlichen
Welt machte, zum Schöpfer des bildnerischen
Gegenstücks zu Balzacs Comedie hu-
maine. Manches in der Stille gemalte Bild muß
auf den Stein und beim Charivari in klingende
Münze umgesetzt werden, so das „Drama", das
heute in der Neuen Pinakothek hängt. Es gehört
in eine Reibe mit dem Ecce Homo des
Folkwang-Museums, dem „Aufruhr", der „Familie
auf der Barrikade" — Gestaltungen dramatischer
Szenen, wo die brutal tosende Menschenwoge
in einem Augenblick des Fanatismus
alle sonst so scheu gehegte Haltung nach außen

vergißt, und ihr wahres Antlitz enthüllt. Vor
diesen Bildern glaubt man die Anekdote, Corot
habe im Anblick von Michelangelos Fresken
den Namen Daumier ausgerufen.
Aber es gibt in Daumiers Werk noch eine erstaunlichere
Macht: eine wie aus unterirdischen
Quellen heraufklingende Sehnsucht. Sie ist in
die Stille weniger Gemälde eingesponnen und
überrascht besonders, wenn man von den Lithographien
herkommt: Bilder, die eine Welt der
stillen, unberührten Dinge einschließen und wie
bukolische Dichtung neben shakespearescher
Dramatik stehen. Vor den weichen Schwingungen
ihres Lichts versinkt auch die sonst so
unermüdlich in alle Winkel und Niederungen
verfolgte Welt des lauten Bourgeois. Auch die
stillen Szenen geraten bei Daumier leicht zu
heftig. Auf den im Gesamt des Werks schon
stillen Bildern mit den Wäscherinnen am Seineufer
lastet noch die Bürde eines qualvollen Arbeitslebens
, das Proletarierelend. Diese Frauen
schreiten schwer und laut die Stufen am Wasser
herauf, sind muskulös wie ihre Männer und
haben Nacken wie Packträger. Es gibt nur ganz
wenige Bilder, die ganz vom dumpfen Alltag
oder auch nur von Daumiers sozialem Pathos
gelöst sind. So hat er einmal ein singendes Paar
gemalt mit einem seligen Blond der Mädchenhaare
, dann Badende im Schatten weicher Uferbäume
; sogar einmal etwas echt Kindliches, ein
graziöses Mädchen im Wasser watend. Es hat
etwas Rührendes, wenn Daumiers wuchtiger
Pinsel überKinderköpfeundFrauenhaar streicht.
Noch tiefere Empfindungswerte aber liegen in
jenen Interieurs, die am meisten an Daumiers
deutschen Generationsgenossen Spitz weg erinnern
, aber doch die weitere freiere Luft von
Paris atmen: in den Kupferstichsammlern, die
er oft gemalt hat, und in den Atelierbildern,
den Schachspielern usw. Der Maler Daumier
offenbart hier, wo die sein Schaffen durchklingende
Sehnsucht für Augenblicke in der
fiebrigen Plast seines gequälten Journalistendaseins
Erfüllung fand, seine subtilste Tonkunst
. Hans Eckstein

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