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VAN GOGH. UNTERGEHENDE SONNE. 1889/90
Sammlung Kröller, Haag
wie ein Dilettan t, dem es darum zutun war, durch
eine hübsche Vorstellung zu gefallen, sondern in
der Absicht, durch eine anschauliche Erläuterung
die durchlebten Empfindungen wiederzugeben
. Seine Briefe wimmeln nicht nur von flüchtig
hingeworfenen Zeichnungen, sondern auch
vonBeschreibungen mit treffenden Vergleichun-
gen. Der Stil, in dem sie geschrieben sind, ist einfach
und ungekünstelt und zeugt von vollkommener
Abwesenheit jeglicher literarischen Anmaßung
. Aber in diesen Beschreibungen ist verschiedentlich
die Betrachtungsweise eines Malers
zu erkennen, eines Malers, der, wenn auch in
einem etwas unbeholfenen Satze,doch sehrnachdrücklich
, erklärt: „Ich sehe in der ganzen Natur
, zum Beispiel in Bäumen, i\usdruck, eine
Seele, könnte man sagen." So erweckt in ihm
das zertretene Gras am Wegesrand den Eindruck
von etwas Müdem, Verstaubtem, wie es
die Bewohner eines Volksviertels an sich haben.
Kohl, der ärmlich frierend im Schnee steht, ruft
in seinem Geiste die Vorstellung wach von einer
GruppeFrauen indünnenRöckenund alten Umschlagetüchern
, die frühmorgens vor einer noch
geschlossenen Ladentür warten. Später, in Arles
, als Gauguin fortgegangen war, und er dessen
Stuhlmalte, sagte Vincent: „J'aiessayedepeindre
la place vide."
Derartigen Aussprachen, oder der Auslegung
einer sinnreichen Absicht, steht man im allgemeinen
einigermaßen mißtrauisch gegenüber,
da man sie lieber dem wortlosen Kunstwerke
selbst ablesen möchte. So kann ein gutes Spottbild
ohne Unterschrift zu uns reden, während
es andrerseits auch möglich ist, daß die Zeichnung
, als Kunstprodukt, durch die geistreichste
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