http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0280
Erläuterung nicht zu retten ist. Auch die edlen
Gefühle, die dichterliche Gesinnung und besonders
die stark sozialen Neigungen in der Persönlichkeit
van Goghs, wenn er sagt, durch sein
Werk der Menschheit Trost bringen zu wollen,
können noch keine Gewährleistung bieten für
den Künstler. Erst die überzeugende Macht des
plastischen Ausdrucks seines Sentiments ist es,
wodurch sich seine Werke Geltung verschaffen,
auch ohne die Hinzufügung einer Erläuterung
— ebenso, wie ein gutes Spottbild ohne Unterschrift
redet. So entlockte die Zeichnung aus
der Haager Zeit, zwei alte Menschen auf ihrem
Spaziergange, von hinten gesehen, jemandem
den Ausruf: „Welch guter Mensch muß man
sein, um diese Rücken so wiederzugeben!"
Eine gleichartige, rührende Anschauungsweise
der Wirklichkeit, aber mit einem tieferen Blick
auf die Lebenserscheinungen verbunden, ist
vor allem wiederzufinden in den Werken seiner
späteren Zeit: „Ich sehe in allen Gegenständen
in der Natur Figuren." In einem Körbchen mit
Blumenzwiebeln, andächtig nach der Natur
gemalt, sind die Zwiebeln mit den feinen, spitz-
förmigen Ausläufern dem Lichte zugewendet;
sie haben etwas an sich von einem Nest mit
jungen Vögeln, die alle nach derselben Seite
hin die hungrigen Schnäbel ausrecken.
Als Vincent während der Zeit seiner Missionsarbeit
sich wiederholt mit Zeichnen beschäftigte,
faßte er dies als eine angenehme Zerstreuung
auf, der er sich aber nicht ohne Gewissensbisse
hingab, „da sie ihn vor seiner eigentlichen Arbeit
abhielt". Bald sieht er jedoch ein, daß
„seine eigentliche Arbeit" auf anderem Gebiete
liegt. Aber schließlich war sie doch nur die
Fortsetzung seines bisherigen Strebens, sie war
auf derselben idealen Grundlage aufgebaut, nur
von positiverer Art. Sein Maler-werden bedeutete
zu gleicher Zeit Konzentration und
Erweiterung; seine frühere Leidenschaft, sich
der christlichen Tugenden zu befleißigen —von
manchem sogar als religiöse Frömmelei betrachtet
—, reifte sich nun aus zu universeller
Gewogenheit, zum Gemeinsinn in der meist
ausgebreiteten Bedeutung des Wortes, und
zwar der inneren Erfahrung entsprossen, daß
das eigene Leben an erster Stelle Anteil haben
müsse an dem des Mitmenschen, ja, unbegrenzt
an allem, was von dieser Erde ist. Bei dieser
tieferen und zugleich erweiterten Lebensauffassung
eröffnet sich ihm stets unumschränkter
eine Welt von Erscheinungen mit einer phantastischen
Fülle von Überraschungen — Erscheinungen
, die van Gogh, als bildender
Künstler, mit stets zunehmender Gier in sich
aufnimmt, während er als Mensch immer
empfänglicher wurde für die sinnvollen Lebenszeichen
in allen Dingen der Realität.
Van Gogh mußte sich, wie er selbst aussagt,
in seinem 30. Lebensjahre noch bis zum
äußersten anstrengen, um „mit seinem Beruf
gründlich vertraut zu werden". Dabei war ihm
eine Hilfe, daß er, trotz des Ubermaßes seiner
phantastisch-fanatischen Natur, auch mit einer
guten Dosis gesunden Menschenverstands und
praktischer Einsicht zugerüstet war, die es ihm
ermöglichten, seinen vulkanischen Schöpfungsdrang
, wenn nötig, einzudämmen. Wie die
Kunst ihm heilig war, war auch die Ausübung
derselben ihm Gebot. Damit er sich die nötigen
Kenntnisse und technische Fertigkeit erwerbe,
kämpft er sich, mit eiserner Ausdauer, durch
allerlei Studienmaterial hindurch. So unternimmt
er es sogar, um sich zunächst im Zeichnen
zu vervollkommnen, die damals gangbare
Serie Bargue-Vorlagen zu kopieren und, damit
fertig, aufs neue wieder anzufangen! Aber
keinesfalls ergibt sich für ihn daraus der zweifelhafte
Vorteil, zu einer glatten Fertigkeit der
Linienführung zu gelangen. Im Gegenteil! Die
mannigfachen Studien aus seiner holländischen
Zeit nach allen Menschen aus Armenhäusern
oder nach Landarbeitern, zeigen niemals
eine hinderliche Augenbehaglichkeit; die Gewissenhaftigkeit
der Zeichnung ist sogar oft
ein wenig hölzern. Er ist kein Schön Zeichner,
der mit Leichtigkeit (und Leichtfertigkeit!) der
Technik eine geschmackvolle Andeutung der
Formen gibt; auch der kleinste Strich hat, bei
seinem Charakterisieren, die Bedeutung eines
eingekerbten Merkzeichens, weil er nirgends
den inneren Zusammenhang mit dem Leben
außer acht läßt. Seine Pinselstriche, auch wenn
sie die Farbe breit auslegen, behalten immer
diesen prägnant zeichnerischen, eingrabenden
Charakter, so daß auch in seiner Malerei die
Zeichnung stets der überwiegend expressive
Faktor ist — und bleibt.
Die Verteilung von Vincents Schaffenszeit in
zwei Perioden — die holländische und die französische
— läßt uns, dem Äußern nach, seine
Gemälde deutlich in zwei Arten unterscheiden.
In Holland arbeitet er, von der traditionellen
Malweise seines Heimatlandes beeinflußt, in
einer dunklen Tonart, die jede Farbigkeit dämpft.
222
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0280