http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0282
Aber dennoch, und mehr vielleicht als er selbst
vermutete, unterscheidet sich sein Werk von
dem seiner Landsmänner, wenn er diese auch bewundernd
, sich selbst zum Vorbild nahm. Es war
nun einmal sein Schicksal — und von weltlichem
Standpunkt besehen ist dies ein tragisches —, als
Künstler abgesondert stehen zu müssen!
In Holland unterscheidet er sich von seinen Zeitgenossen
schon dadurch, daß er kein lyrischer
Atmosphäre-Maler ist, der sich am zarten
Wechselspiel von Tönen und Farben ergötzt;
er ist Epiker oder Expressionist, der gestalten
will, was er im Wachsen der Bäume, in der Beschaffenheit
des Bodens als dramatisches Geschehen
empfindet. Auch wenn er Stilleben malt,
tut er dies nur ganz selten der äußeren, malerischen
Schönheit wegen; so hat er wiederholt
Vogelnester zum Vorwurf genommen, die er
bereits in seinen Kinderjahren mit besonderer
Vorliebe — als Naturwunder sammelte. Zahlreich
sind aus der Brabanter Zeit die Darstellungen
von Webern bei ihrer Arbeit, in denen
diese Menschen, mit ihrem eintönigen Beruf
tagaus, tagein, bis sie alt sind, zusammengewachsen
scheinen mit dem verschlissenen Webstuhl
. Landarbeiter sieht er in der grauen Sphäre
ihres Daseins; grau wie der Boden, auf dem sie
leben, ist auch ihr Außeres — so wie alles in
der Natur sich seiner Umgebung anpaßt. In
dem Gemälde „Die Karlolfelesser" wollte van
Gogh nachdrücklich ein Bild geben der Gelassenheit
, mit der sich diese Arbeitstiere durch
das Leben hindurchquälen; er malte sie beim
Mittagessen, um, wie er selbst sagt, damit auszudrücken
, daß sie dieses „so ehrlich verdient
haben".
■
TU
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VAN GOGH. STILLEBEN MIT GIPSSTATUETTE. 1886-88
Sammlung Krolle r, Haag
224
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