Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 226
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0284
Sein Aufenthalt 121 Frankreich hat für van Gogh
als Maler zunächst zur Folge das Sichloslösen
von den dunklen holländischen Tönen, um sich
mit einer helleren und farbigeren Palette vertraut
zu machen. Der Ubergang geschah aber
nur allmählich und nicht ohne daß er in der
neuen Umgebung anfänglich unsicher in sich
selbst stand. Die zahlreichen Stilleben, und besonders
Blumenstilleben, die er dort malte, sind
Übungen in seinem Streben nach mehr Farbigkeit
und Licht, wie er dies in den Werken der
französischen Impressionisten ausgedrückt fand.
Auch ihre Technik, im Zusammenhang mit der
Farbenanalyse, in die er sich vertiefte, bringt
eine Veränderung in seine Malweise.
Die Pariser Zeit war nur eine Vorbereitung
für Arles, wo er, sich selbst überlassen, zu seiner
völligen Entfaltung kommt, sowohl was seine
Kunst als seine innere Lebenshaltung betraf.
Sein Schaffen im sonnigen Süden Frankreichs
ist wie ein Aufjauchzen seines Entzückens über
die neue Welt von Farben und Licht, das tönt
über die weiten Felder, das funkelt auf den
Blüten der Obstgärten in ihrem Frühlingsschmuck
und auf den glühenden, von kristallenem
Glanz durchwebten Getreideäckern. Und
diese Natur wurde ihm zum Sinnbild seiner
eigenen strahlenden Lebensglorie; mit ihr vor
Augen erklärt er: „Was die Farbe für ein Gemälde
ist, bedeutet der Enthusiasmus für das
Leben."

Er schafft dort seine größten Werke, auch
manches Porträt, aber nicht in der landläufigen
Weise, sondern mit einer großen Unbefangenheit
und einem intensiv psychologischen Ausdruck
, so daß das innerste Leben durch die
äußeren Formen des Angesichts hindurchleuchtet
.

In dieser Zeit, wo, unter Einfluß der südlichen
Sonne, Gelb seine bevorzugte Farbe wird, als
goldeneWiderspiegelungvonSonnenglut, offenbart
sich ihm die symbolische Bedeutung der
Farbe im allgemeinen: „Car au lieu de cher-
cher a rendre exactement ce que j'ai devant
les yeux, je me sers de la couleur plus arbi-
trairement pour m'exprimer lortement." So
malt er einen Landarbeiter in der sengenden
Sonne: „L'homme terrible que j'avais a faire en
pleine fournaise de la moisson en plein midi —
de la des oranges fulgurants comme du fer
rouge, de la des tons de vieil or lumineux dans
les tenebres."

Diese abstrakte Interpretation der Farben faßte

man zunächst als eine Art Verwirrung seiner
Sinne auf, in Wirklichkeit war sie aber die
notwendige Folge seiner sich stets mehr vertiefenden
Anschauung, die sich bewußt geworden
ist, daß alle Erscheinungen der Realität
als Bestandteile des allgemeinen Lebensdramas
zu betrachten sind. Diese innere, klare Einsicht
mußte zu einer Umstellung der Realität führen
und sich in Bildersprache äußern.
Sie wurde vorangegangen von einer alles intensiv
erfassenden objektiven Wahrnehmung
und mußte dann, wie Vincent selbst sagt, dazu
führen, „die Dinge immer frei und vertrauensvoll
anzusehen", wobei die frühere Spannung
seiner auf das Absonderliche der Dinge gerichteten
Andacht straffer wird in dem Maße, wie
sie sich stets von neuem als Wunder offenbaren
— sein immer schärferes Markieren der
äußeren Kennzeichen, seine Malweise, nicht in
fließenden Linien, sondern in schroffen und
harten Strichen, zeugen davon.
Tatsächlich hat er die Natur mit einem durchbohrenden
Blick angesehen. Sein Auge glitt
nicht über sie hinweg, sich an dem harmonischen
Zusammenhang von Farben und Tönen
oder an reizvollen Linienzusammenstellungen
ergötzend; es wollte durch die Oberfläche hindurchdringen
bis zu dem andern, tief verborgenen
Zusammenhang des inneren Lebens.
Aber Arles, das Vincent betreten hatte als einen
Lustgarten voll Licht und Farbe, wo ihm der
„rayon blanc" entgegenleuchtete, im Gegensatz
zu dem „rayon noir" seiner Jugend, wo er
seine strahlends ten Werke schuf (die blühenden
Obstgärten), mußte der immer Gehetzte wieder
verlassen, als sich dort die ersten Symptome
seiner Seelenkrankheit offenbarten. Von Arles
geht er nach St. Remy, freiwillig, um sich dort
in einer Irrenanstalt aufnehmen zu lassen. In
dieser beklemmenden Umgebung malte er, wenn
er nicht ausgehen durfte, die bekannten phänomenalen
Interpretationen nach Rembrandt,De-
lacroix und besonders nach Millet; wurde dies
ihm erlaubt, ging er in die Natur, in den Park,
oder weiter weg, in die Olivengärten und Bergschluchten
oder auf die Landwege mit den
wunderbaren Zypressen. Als ihm der Aufenthalt
in der Anstalt unerträglich wurde, zog er
nach Auvers, wo er bei dem Kunstfreunde
Dr. Gachet ein würdigeres Unterkommen fand;
er blieb dort bis zu seinem Tode, ein halbes
Jahr später.

(Fortsetzung folgt.)

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