Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 240
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DER BILDHAUER1 ALPHONS MAGG

Unter den jüngeren Bildhauern der deutschen
Schweiz vertritt Alphons Magg einen gesunden,
lebensvollen Realismus. Seine Skulpturen verraten
nicht vor allem eine stilistische Bemühung
und lassen vollends keine Absichtlichkeit, zeitgemäß
zu sein, erkennen. Sie leben von einer
freudigen Hingabe an die schöne Erscheinung
des Körperlichen, und ein ursprünglicher Sinn
für plastische Werte vereinigt sich harmonisch
mit dieser lebendigen Anschaulichkeit. So hat
sich der Künstler eine schöne Ruhe und Sicherheit
des Arbeitens bewahrt, und sein zur Reife
gelangtes Talent besitzt etwas Naturhaftes und
Selbstverständliches. Geradein diesem Verzicht
auf allzu Bewußtes, Gewolltes liegt die schöne
Klarheit und auch der persönliche Reiz dieser
Arbeiten beschlossen.

Als der Bildhauer versuchte, eine überlebensgroße
Aktfigur ohne inneres Gerüst, als Hohlform
, wie ein keramisches Gefäß aufzubauen,
ergab das Technische von selbst auch die formale
Bindung, die statuarische Festigkeit und
Großzügigkeit. Die Gestalt wächst vom Gebundenen
, Schweren zum Freien und Leichten
empor, und reicheNuancen der Form bewegung
beleben den geschlossenen Aufbau. Die Frauenakte
dieses Künstlers haben jene stille Freude
am Leben, am körperlichen Dasein, die auch
auf den Beschauer weiterwirkt; auch der einfache
, aber lebensvolle Ausdruck der Köpfe
dient diesem Wesenszug. Der Realismus erscheint
gesammelt, vereinfacht, von innen heraus
belebt und zum Ausdruck des schöpferischen
Lebens gesteigert.

Auch bei den Bilduisbüsten, von denen diejenige
des verstorbenen Dichters Heinrich Federer
auch den Werteines Dokumentes besitzt,
wird der Ausdruck gleichsam aus der plastischen
Form heraus gewonnen. Die Wesenszüge
erscheinen nicht als Zeichen, die der Form aufgeprägt
werden, sondern als Eigenschaften der
körperlichen Form selbst. Die Uuabsichtiichkeit
der Charakteristik läßt wiederum den bedeutungsvollsten
Wesenszug des Bildhauers erkennen
: daß er die körperliche und geistige
Erscheinung als lebendige Einheit empfindet.

E. Briner

„WAS ICH SUCHE, IST FÜR JEDEN ZU FINDEN"

AUS DEN BRIEFEN VINCENT VAN GOGHS AN SEINEN BRUDER

IL

Die Zeit in Auvers mit der in St. Remy wird,
im Anschluß an seine Blütezeit in Alles, als
van Goghs Endperiode betrachtet. Dies könnte
zu der falschen Schlußfolgerung führen, daß
sich nunmehr in seinen Werken ein allmählicher
Niedergang bemerkbar machte. Aber gerade
das Gegenteil ist der Fall: das Werk van
Goghs zeigt bis zuletzt eine stets ansteigende
Bewegung. Vielmehr ist in diesenspälerenÄußerungen
intensiver als je ein verzweifeltes, aber
unbewußtes Sichwidersetzen bemerkbar gegen
die Anfälle seiner zunehmenden Geisteskrankheit
.

Die Anstrengung, sich seiner selbst zu entringen
, findet ihren großartigen Ausdruck, als
Entlastung seines gepeinigten Seelenzustandes,
in den Landschaften, die er in Auvers malte.
Sie sind von einer erschreckend dramatischen

Wirkung, alles in der Natur scheint sich in
ihnen seinen irdischen Banden entwinden zu
wollen. In diesen späteren Landschaften nimmt
alles eine fliehende Bewegung an; das Ganze
zeigt sich in einer heftigen Erschütterung und
am Himmel sind fremde Zeichen, die uns gemahnen
an das Rätselhafte der Apokalypse.
Die Fai'be erhält nunmehr eine übereinstimmend
-symbolische Bedeutung. Das zarte Kobalt
seiner Arier Werke hat einem herben
Preußischblau Platz gemacht, das bisweilen
wie aus vollen Tuben über den Himmel ausgeschüttet
zu sein scheint, und in einer I^andschaft
mit Heuschobern, wo die erlöschende, große
Feuerkugel hinter den Bergen versinkt, spricht
das matte Violett von einer endlosen Desolatheit
. In wogenden Linienbewegungen drückt
sich etwas aus von ratlosem Händeringen und

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