http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0326
mehr der Einfall, sondern das Können. Die
Substanz der Materie wird neu entdeckt. Die
farbig-körperliche Tastbarkeit wird neu empfunden
. Diese Bilder entstehen nicht mehr auf
einen Eindruck hin in wenigen Stunden, sondern
sie sind das Werk einer sorgfältigen und
intensiven Arbeit, ja man könnte sagen, sogar
eines ständigen Feilens und Verbesserns, bis
sie ganz jene Ausgeglichenheit besitzen, die der
Künstler erstrebt und bisweilen erreicht. So
ist es charakteristisch, daß wie beim naiven
Handwerk (zum Unterschied vom bewußten
Kunstgewerbe) der Arbeitsj^rozeß sorglich
unsichtbar gemacht wird. Die glatte Oberfläche
verrät nichts mehr von Zeit und Mühe, die
auf das Werk verwendet worden sind.
Ist* nun eine solche sachliche Darstellungsweise
im letzten Sinne unmetaphysisch und fehlt
ihr damit jener wesentliche, irrationale und
religiöse Gehalt, der den eigentlichen Wert
des Kunstwerkes ausmacht? Man muß die
Frage verneinen. Die schlichte Art der Auseinandersetzung
mit der Umwelt, die liebevolle
Eindringlichkeit in das einfache tägliche Leben,
der Wille, die großen Zusammenhänge der
Formen und damit die Einheit der Idee aufzudecken
, ihnen wohnt eine beachtliche Sauberkeit
der Gesinnung inne, und man könnte hier
eher an eine naive Naturfrömmigkeit glauben,
als an die Echtheit der Empfindung in den
vielen gemalten ekstatischen Passionen.
Bruno E. Werner
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