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ERNST FRITSCH. DAME IM CAPE
. . . Die ersten Dinge, die man studieren muß, sind die
Form und sodann die Valeurs. Diese beiden Dinge sind
für mich die wirklichen Stützpunkte in der Kunst. Die
Farbe und die Ausführung verleihen dem Werke die
Anmut. Ich habe es für sehr wichtig gehalten, eine
Studie oder ein Gemälde in der Weise zu präparieren,
daß ich zunächst (vorausgesetzt, daß es sich um eine
weiße Leinwand handelt) die kräftigsten Valeurs andeute
und dann der Reihe nach bis zu dem hellsten
Valeur fortfahre. Ich würde von dem tiefsten bis zu
dem hellsten Valeur zwanzig Nummern zerlegen. So
würde sich Ihre Studie oder Ihr Gemälde nach einem
ehernen Gesetz aufbauen. Dieses Gesetz darf keineswegs
hinderlich sein — weder dem Zeichner noch dem
Koloristen. Immer die Masse, das Ganze, das, was uns
gepackt hat. Niemals den ersten Eindruck verlieren, der
uns bewegt hat. Die Zeichnung ist das Erste, wonach man
trachten muß. Dann, die Valeurs — die Beziehungen
zwischen den Formen und zwischen den Valeurs. Da
haben wir die Stützpunkte. Dann die Farbe, endlich die
Ausführung. — Man will eine Studie oder ein Gemälde
malen: so trachte man danach, gewissenhaft nach der
Form zu suchen. Nachdem man dies mit der größten
Beflissenheit getan hat, gehe man zu den Valeurs über.
Man suche sie mit der Masse. Es ist sehr wenig logisch,
mit dem Himmel zu beginnen. Camille Corot
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