Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 264
(PDF, 106 MB)
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HUGO VON HABERMANN+

Das Hinscheiden Hugo Freiherrn von Habermanns
reißt in die Reihen der Münchner Künstlerschaft
eine unausfüllbare Lücke. Dies gilt
nicht allein, woran man vor allem denkt und
was selbstverständlich ist, für den Künstler, sondern
fast noch mehr für den Organisator, für
die kunstpolitische Persönlichkeit, für den Führer
seiner Gruppe, die im Münchner Kunstleben
eine beherrschende Stellung einnimmt.
Habermann war, als es in München vor beinahe
vierzig Jahren zur „Secession" kam, in der
vordersten Phalanx der Modernen, der Stürmer
und Dränger, und dank seiner künstlerischen
Leistung, aber auch seiner hohen, charaktervollen
Eigenschaften, die ihn absolut zum
Führer bestimmten, trat er sogleich in die Vorstandschaft
ein und war — nach Piglhein, dem
Frühvollendeten, nach Dill, der München mit
Karlsruhe vertauschte, und nach Fritz von
Uhde — fast zwei Jahrzehnte hindurch der
erste Präsident der Münchner „Secession".
Dies waren die schwersten, an künstlerischen
Krisen reichsten Jahre seit dem Bestehen der
„Secession", die, dank der üblichen Entwicklung
gerade Münchner Künstlergruppen, innerhalb
dieses Zeitraums deutliche Zeichen der Zersplitterungzeigte
. Daß esnur zudem einen Aderlaß
, der „Neuen Secession", kam und daß diese
Gruppe heute mit der „alten" Secession auf
einem durchaus freundschaftlichen Fuß steht,
ist in erster Linie das Verdienst Hugo von
Habermanns, dessen konziliante, weltmännische
und dabei sichere und zielbewußte Art immer
wieder Brücken zu schlagen wußte. Vor allem
auch als Lehrer an der Akademie
der bildenden Künste,
hat sich Habermann unauslöschliche
, nie zu vergessende
Verdienste erworben.
Diese vielseitige Wirksamkeit
wäre nicht möglich gewesen,
wenn Habermann nicht der
große Künstler und prachtvolle
Mensch gewesen wäre, als
den ihn seine Zeitgenossen
schätzen und verehren durften.
Vor beinahe achtzig Jahren in
der kleinen bayerischen Stadt
Dillingen als Offizierssohn geboren
, studierte er zuerst Rechtswissenschaft,
aber der tief eingewurzelte, vordem verschüttet
gelegene künstlerische Trieb brach durch und
regierte fortan sein Denken, Schaffen und Leben
. Bei Piloty ander Münchner Akademie holte
er sich die technischen Kenntnisse und begab
sich auch in thematischer Hinsicht zunächst
unter Pilolys Führung. Aber dies währte nicht
lange. Schon aus der Mitte der 1870er Jahre
gibt es von Flabermann Gemälde, besonders
Bildnisse, die ihn weltentief von Piloty
getrennt zeigen. Selten ist ein Künstler so
konsequent im Ausleben seiner Individualität
seinen Entwicklungsweg gegangen wie Habermann
. Es war der Weg, der ihn zum Meister
einer immer mehr aufgelockerten Malerei
machte, der ihn zur apartesten Palettenkunst
führte. Einst lagen Bilder wie „Das Sorgenkind
" (Berlin, Nationalgalerie) und das Bildnis
seiner Mutter, lagen auch Männerbildnisse auf
seinem Weg, immer mehr aber hat er sich in
der späteren Zeit spezialisiert und schließlich
hat ein fast bizarrer Frauentypus, der in unzähligen
Varianten wiederkehrt, sein ganzes
Spätwerk beherrscht. Wenn er in seiner durch
die Malerei bei Gasglüblicht in der Farbgebung
bestimmten Malweise einmal ein anderes Thema
anzuschlagen versuchte, wenn er etwa ein dekoratives
Motiv aufgriff, so wirkte es mehr wie
eine Flucht. Aber sein Hauptthema hielt ihn
und immer wieder wandelte er es ab in Nuancen,
die von der Auflassung im barocken Sinn bis
nahe an den Expressionismus streiften. Dieses
inneren Reichtums wegen, des Reichtums in
Auffassung und Form, wurden
Habermanns Bilder nie einseitig
oder gar eintönig. Es
kommt nicht darauf an, daß
man viele Saiten auf einem
Instrument hat, wenn man es
nur meisterhaft zu spielen versteht
. Und dies konnte keiner
so wie Habermann, der als
Künstler mit beinahe achtzig
Jahren noch ebenso interessant
, anziehend und selbständig
wirkte wie als junger Revolutionär
mit dreißig.

Georg Jacob Wolf

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