http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0342
für die bildende Kunst, bedenkt man, daß selbst
ein Corinth — bei aller Einsamkeit jedes schöpferischen
Menschen — doch seine Kraft und Entwicklung
daraus zog, daß er sich selbst als tragenden
Träger eines gemeinsamen Wollens empfand
.
In einer solchen Zeit, in der die Jungen auf
tausend verschiedenen Wegen nach hundert verschiedenen
Zielen marschieren, ist eine Künstlervereinigung
, die ihr Kraftreservoir einstmals
in der Opposition gegen die akademische Malerei
besessen hatte, in einer heiklen Lage. Die Akademie
selbst ist so tolerant geworden, wie sie
nur sein kann. Sie umfaßt Maler und Bildhauer
aller Richtungen. So bleibt beispielsweise der
Secession nichts anderes übrig, als gute Ausstellungen
zu veranstalten, die ebenfalls alle Künstler
umfassen. Kaum hat sie, wenigstens nach den
herkömmlichen Prinzipien, die Möglichkeil, ihren
Veranstaltungen ein Gesicht zu verleihen, das
sich wesentlich von dem der Akademie, der Novembergruppe
oder den Juryfreien unterscheidet
. Das ist bedauerlich. Denn im Publikum
macht sich immer mehr eine wohlwollende Lethargie
gegenüber Kunstdingen breit. Das Publikum
will aufgerüttelt sein, und es ist höchste
Zeit, daß hier etwas geschieht. Eine neue Generation
wächst heran, die man kaum mehr mit
den üblichen Mitteln von der Realität des Lebens
zur höheren Realität des Kunstwerks hinleiten
kann.
Die Frage erhebt sich, wie kann man einer Ausstellung
heute ein Gesicht verleihen, das den Beschauer
packt und ihn aus seiner Gleichgültigkeit
aufrüttelt? Es scheint mir so, als gäbe es zur Zeit
nur eine Möglichkeit, die in einer grundsätzlichen
Änderung des bisherigen Ausstellungswesens
liegt. Heute wählt man, wie etwa die
Secession, eine Jury von zehn Herren und eine
Hängekommission von sechs. Man setzt sich zusammen
und läßt die Eingänge Revue passieren.
Der eine tritt für diesen Bildhauer ein, der andere
für jenen Maler. Es ist ein kleines Parlament
der Künstler. Aus Überzeugung, Rücksichten
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