http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0343
MAX UNOLD. WINTER
Neue Städtische Galerie, München
und Freundschaft zieht man die goldene Mitte.
Daraus springt im besten Fall eine ganz nette
Ausstellung. Das Epitheton „Ganz nett" bedeutet
jedoch für den radikalen Daseinskampf der Zukunft
ein Todesurteil. Leider besteht nämlich
immer noch übertriebene Angst vor Einseitigkeit
. Gewählte Kommissionen bevölkern das
Land zu Tausenden. Sie verteilen Dichter und
Künstlerpreise. Sie veranstalten Ausstellungen.
Sie beraten, was neuerlich getan werden soll.
Es kommt jedoch darauf an, daß man sich entschließt
, einem Mann die Verantwortung für
ein solches Unternehmen zu übertragen. Dieser
Mann muß den Mut aufbringen, seine Überzeugung
durchzudrücken. Er wird sich nicht vor
Einseitigkeit fürchten. Er wird erbitterte Feinde
und begeisterte Bewunderer finden.
Die Kritiker werden ihn verreißen und Hymnen
auf ihn singen. Kurz, es wird Leben in den
stagnierenden Kunstbetrieb kommen. So sollte
die Secession einem Mann wie Karl Hofer oder
Georg Kolbe oder wem sie will, die autonomen
Rechte verleihen, eine Ausstellung ganz nach
seinen Ideen zu veranstalten. Ein solches Unternehmen
würde damit ein Gesicht empfangen,
nach dem sich der Besucher heute vergeblich
umsieht.
Die diesjährige Ausstellung hat dreier Toten gedacht
, darunter sind zwei Mitglieder, die die
Secession verloren hat. Man hat ihnen leider
keinen markanten Platz eingeräumt, sondern hat
sich begnügt, ihre Werke mit einem Kranz hervorzuheben
. Der vor kurzem verstorbene Ernst
Oppler zeigt ein Selbstbildnis, mit einem Modell
im Hintergrund, und eine Straße im Schnee,
der Bildhauer Ernst Wenck ein streng komponiertes
, scharf geschnittenes Relief und einen
schönen, kraftvollen Frauenkopf. Von Walter
Gramatte findet man ein Hiddenseebild, das
Möglichkeiten einer neuen Landschaftsauffassung
andeutet. Ferner hat man zum Gedächtnis an den
10. Todestag Wilhelm Lehmbrucks ein kleines
Kabinett mit Graphiken und einer Jünglingsplastik
eingerichtet.
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