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nach Venedig bringen; jedoch beim Abnehmen
rissen dieSeile und die Bildwerke zerbarsten. 1688
wurde der Parthenon wieder eine kleine Moschee,
1787 kamen einige Skulpturen nach Frankreich.
Aber dann erst kam die große Entführung durch
den englischen Botschafter Lord Elgin, der sich
einen Erlaubnisschein der türkischen Regierung
,,Zur Fortschaffung einiger Sieinblöcke mit Inschriften
und Figuren drauf sicherte. Mit
Hunderten von Arbeitern unter Leitung des
Malers Luserie und einem bedeutenden Kostenaufwand
kam der größte Teil der Giebelfiguren
und das Meiste des herrlichen Frieses nach
England, wo alles 1816 durch Parlamentsbeschluß
angekauft wurde und ins Britische Museum
kam. Vielleicht ist hier beim Herunternehmen
noch manches zerstört worden, wer
weiß es?
Noch immer hat das Bauwerk keine Ruhe bekommen
; die Amerikaner haben zur Restaurierung
und zum Wiederaufbau der von Morosini
umgeworfenen Säulen Geld gestiftet. Zuerst
sollten nur die antiken Steine aufgerichtet werden
, eine Arbeit, die sich schon jahrelang hinzieht
. Doch ergab sich, daß längst nicht mehr
alle Steine und Säulentrommeln vorhanden
waren, und nun werden neue, glatte, kalt bearbeitete
Steine zu den alten, von der Zeit zerfressenen
hinzugefügt: Ein Gegensatz, den jedes
schönheitsliebende Auge nicht ohne Schmerz
empfindet. Freilich, die unerbittliche Zeit,
welche zerstört, verlangt oft Stützen, um den
Verfall aufzuhalten; doch kann etwas Gutgemeintes
auch eine Zerstörung sein! Und ob dem
erwähnten Fries nicht Ähnliches bevorsteht?
Die meisten Platten sind in London, 22 Platten
im Akropolismuseum, 3 sehr zerstörte an der
Südwand der Parthenoncella, während der Westfries
fast in seiner Gesamtheit sich noch am
Bauwerk befindet und eben jetzt über sein
kommendes Schicksal die Entscheidung herausfordert
. Man will heute Ehrwürdiges, Seltenstes
erhalten; aber Rodin hat recht: „Restaurierung
ist Tötung des Letzten, was herüberweht aus
der Zeit wahrsten Künstlertums; unsere Kathedralen
sind zum Teil dadurch zugrunde gerichtet
." Und Viktor Hugo geht soweit, die zerstörenden
Kräfte der Zeit als Künstler zu bezeichnen.
Möge alles, was zur Erhaltung getan wird —
und sie ist hier mehr nötig als anderswo — mit
der Ehrfurcht und Liebe geschehen, die jene
Kunstwerke fordern. W.Hege, Athen
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