Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 300
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0372
kleine Gehirne, thesenhaft verbündet, heule
der freien Kunst mit Wort und Meinungsbildung
Abbruch tun konnten, bis sich dann das
ungeschriebene große Sinngesetz der Kunst im
Gang der Zeit wieder unbesieglich durchsetzt.
In dieses Streites ungeschriebener Größe gegenüber
der logischen und mechanischen Verkümmerung
liegt die Bedeutung der Gegenwart
und der Preis der Zukunft und nicht zuletzt
auch das „Problem München". Die
geflissentliche Feindschaft gegen die freie Kunst,
die unsere Gegenwart kennt, wird dabei nicht
nur von einer sozial angewandten und formalisierten
Kunstgewerblichkeit propagiert, welche
den schöpferischen Uberschuß nicht erträgt
und ihn wie einen Luxus betrachtet. Auch in
der freien Kunst selber gibt es eine Entwicklung,
die gegenüber der naturhaften und blutvollen
Rassigkeit etwa eines Corinth auf einen starren
Akademismus und auf eine zugleich empfindsame
und harte Sphäre neuer Gesellschaftsbildkunst
hinarbeitet. Die Zeit steht noch in
diesem Kampfe, man hat von hier aus Einflüsse
auf München versucht, die hier keine wahren
Wurzeln haben, und man sucht geflissentlich
eine andersartige deutsche Kunstentwicklung
in der augenblicklichen Schätzung herabzudrücken
. Der naive Kunstfreund, wenn immer
er für das Blühende einer künstlerischen Aktivität
aufgeschlossen ist, wie sie sich in der
Münchner Künstlerin Maria Caspar-Filser
offenbart, weiß wenig von diesen kunstpolitischen
Gegensätzen. Aber man muß davon
sprechen, wenn es sich um die Feststellung des
zeitgenössischen Wesens eines Künstlertums
handelt, und gerade hier handelt es sich darum,
obgleich oder weil die Bilder dieser Frau so
voraussetzungslos aus dem aktiven Naturgefühl
der Zeit hervorgehen.

Landschaften, Stilleben, Blumenstücke, Zu-
standsbilder mit Menschen im Freien und im
Interieur, was haben sie heute für einen künstlerischen
Sinn? Man kann mit einer Frage
antworten: wie war es heute möglich, daß etwa
Corinths Walchenseebilder, Zufälle einer malerischen
Verortung, sich als einer der wichtigsten
künstlerischen Werte der Zeit festsetzen
konnten, daß die Malerei in diesen Bildern wie
durch Herzgefäße geht, aus denen die Zeit ihren
besten Pulsschlag her erfühlt? Auch Maria
Caspar-Filsers künstlerisches Schaffen lebt in
diesem gleichbestimmenden Pulsschlag, der
mit der Anschauung ein Plus von Fühlung verbindet
. Sind es Zufälle, daß ihre Landschaften
in Schwaben, in Italien, in Oberbayern, am Meer,
am Bodensee, immer wieder zuletzt in Schwaben
mit Park und freier Weite bei Baldern und
aber auch in München im Akademiegarten entstanden
sind und das Merkmal von örtlichen
Daten haben? Es sind Zufälle oder nicht; das
Funktionelle der Kunst liegt nicht im Stoffe,
auch dann nicht, wenn nicht die „reine Landschaft
", das reine „Ding an sich" gemalt wird,
sondern ihre Differenz, ihre verortete Eigenart
, welche gerade die rassig differente Eigenart
im Künstler hervorruft. Die Kunst dieser
Frau ist ganz und gar rassig different. Und
während sich das Uniforme in unserer Zeit
bereits wieder aufzuheben scheint, ergreift das
Differente immer wieder und immer mehr Platz.
Man kann gerade bei dieser Frau die prinzipielle
Unterscheidung sohin aussprechen. Kunst
ist wie die Differenz der Natur selber und bei
ihrem Schaffen nun ist das Gefühl der freien
und weiten Möglichkeit dadurch prächtig.
Schmucksinn der Farbe ist Reichtum der Möglichkeit
, die nicht illustriert, sondern in der
Vielheit um so freier, mit dem Stoffe um so
unstofflicher wird. Es ist wie ein Schaffen durch
Aufheben des Dinglichen. Die Landschaft ist
einfach wie ein Puls der Anschauung, eine
Fügung, die darin besteht, ein jahreszeitlicher
Uberschuß vom Beständigen, die Entwicklung
aus der langsameren Empfindung in den aktiveren
Augenblick, ein Ubergang aus der älteren
Stimmung in die neue Konkretion. Das ist
vielleicht der Sinn unserer Naturmalerei bei
den Besten, ein starker Fortgang in die große
Empfindung des naiven Zustandes, eine werthafte
Umsetzung in eine beständigere farbige
Korrespondenz gegenüber der mehr noch technischen
Beweglichkeit des Impressionismus.
Während sich die bürgerliche und besonders
die soziale Tendenz trotz ihrer Hartnäckigkeit
der künstlerischen Behauptung immer
mehr ins kahl und eng Struktive, ins künstlich
Schöne oder ins willkürlich Verschärfte wendet,
rettet die Natur jenes Plus von Wesensempfindung
in der Zeit, das wie Zufälle, wie ein
Nebenbei erscheint, und das dann doch, wie es sich
bei van Gogh bewiesen hat, als mit dem Herzen
und mit der Wesenheit einer Zeit so zusammen
erkannt wird, wie das Rätsel einer fließenden
Schöpfung, in welcher jeder neue Zeitraum
zugleich augenblickhaft und beständig wird.
Es scheint heute eine paradoxe Schicksalsfrage

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