Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 308
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JOSEF WEISZ. ZEBUSTIER

stalten zu der kristallklaren und mathematisch-
gesetzmäßigen Musik Joh. Seb. Bachs kommen
mußte. In ihr liegt das Universum, das uns, als
das Geheimnis aller wahren Schöpfung, den
Sinn zu schöpfen aus tiefer Gläubigkeit lehrt
und die Notwendigkeit der Gestaltung auf ein
Fundament kühler Gesetzmäßigkeit stellt.
Mußte ich da nicht mit jauchzend frohen Händen
an ein Vorbild fassen, das wahrhaft auch
für den Plastiker geschaffen, immer schon
und durch Jahrtausende in Stein oder tönern
lebte und weiter leben wird? Ein klingendes
mathematisches Gesetz, das allezeit durch die
Menschen und ihre Schöpfungen geht, das
wir in seiner Unwandelbarkeit erkennen von
Ägyptens Pyramiden und Tempeln über frühgriechische
Kunst zur Gotik Frankreichs und
Deutschlands und kristallisiert dann in Bachscher
Musik.

War mir also Bachsche Musik der Weckruf,
so fand ich bald darauf folgend in Nordfrank-
reichs frühgotischen Kathedralen auch den
großen Lehrmeister für die nun beginnende
Arbeit. Unerschöpflich an Gotik ist Frankreichs
Boden; alles überragend ist sein Juwel:

Chartres! Ihr Stein ist wie eine sich öffnende
Hand: wo sich ein Bildwerk offenbart, bleibt
es im Banne der Architektur.
Diese Erkenntnis nähert uns dem Geheimnis
der monumentalen Plastik, deren letzter Klang
in der Verhaltung schwingt. Wie billig ist dagegen
das rasche Preisgeben eines oberflächlichen
Empfindens, eine grobe Hülle, dahinter
nur eine Gewalttätigkeit steht, die noch lange
nicht Monumentalität ist.

Stehe ich hier nicht vor einem Vorbild, das,
wenn auch 800 Jahre alt, dem modernen Menschen
des 20. Jahrhunderts doch alles an Führung
und Zuversicht zu geben vermag, sofern
er sich einreiht in das Gesetz des Schöpfens,
in welchem das Ich nichts, das Sein aber alles
ist? Die schöpferische Kraft der Frühgotik
birgt auch die Kraft in sich, wieder lehren zu
können, und gerade daran leiden wir heute die
bitterste Not.

Wenn ich in diesem Sinne auf das Geheimnis
der Kathedralen hinweise, so geschieht dies
auch bei der bewußten Deutung, daß dieses Ideal
uns Europäern dem Blute nach doch weit näher
stehen müßte als aller exotische Schwärm,

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