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zweifelt und jedenfalls nicht mehr in altem
Glanz erstrahlend, nicht noch weiteren Schaden
nehmen soll, so müssen Staat und Stadt sofort
in unbürokratischem Zusammenwirken das
ihre tun, um eine solche Ausstellungsmöglich-
keit zu schaffen.
Im ewig gestrigen Glaspalast kam es indessen
auch im Juni 1929 zur üblichen Jahresausstellung
, die im großen und ganzen, da eben die
räumlichen Voraussetzungen die ewig gleichen
sind, das alte Gesicht zur Schau trägt. Als gemeinsames
Unternehmen der Künstlergenossenschaft
, an die als zentrale „Glaspalast-Linke"
alle kleineren Gruppen und Splitter-Vereinigungen
, sowie die graphischen Fachvereine angeschlossen
sind, und der Secession ins Werk
gesetzt, zeigt die Ausstellung die übliche Aufteilung
des Raumes und damit das bekannte
und hergebrachte Gesamtbild. Mau hat sich
allerdings, und ersichtlich mit Erfolg, bemüht,
auch einige Besonderheiten, Spezialveranstal-
tungen und außergewöhnliche Darbietungen in
das Programm einzubeziehen, aber sie können
schließlich den Gesamteindruck auch nicht
ändern oder bestimmen. Dennoch haben wir
uns mit ihnen vor allem zu befassen.
Als Ersatz für die in München nicht mehr gewagten
oder vielleicht aus materiellen Gründen
nicht möglichen internationalen Ausstellungen,
die früher in vierjährigem Umlauf stattfanden,
ist man seit einiger Zeit dazu übergegangen,
alljährlich ein Land in repräsentativer Überschau
über sein zeitgenössisches Schaffen und
über die Leistungen seiner jüngsten Vergangenheit
vorzustellen. Nach Österreich und der
Schweiz zeigt man diesmal Werke holländischer
Maler. Ob die Wahl eerade dieses Lan-
des eine glückliche war? Holländische Beurteiler
sind der Meinung, die Malerei ihres Landes
befinde sich derzeit in einem bedenklichen
Ubergangsstadium und sei gar nicht recht in
der Lage, im Ausland repräsentativ hervorzutreten
. Auf alle Fälle aber machte die Auslese
von Kunstwerken, die man z. B. auf der Internationalen
Kunstausstellung in Venedig 1928
von dem zeitgenössischen Schaffen holländischer
Maler zu sehen bekam, einen weitaus geschlosseneren
und damit stärkeren Eindruck als die
Münchner Auswahl, bei der vielleicht zu einseitig
eine einzelne holländische Privatsammlung
als Quelle benutzt wurde. Der vielgepriesene
und mit dem Nimbus des Geheimnisvollen
umgebene Willem Adrian van Konijenburg
konnte mit den beiden Gemälden, die man von
ihm brachte, nicht ganz überzeugen. Jan Slu}^-
ters wirkt, als kraftvoller Kolorist. Der nachhaltigste
Eindruck kommt auch hier von einigen
„Alten", von G. H. Breitner, der einen besonders
schönen liegenden Akt zeigt, und von Jan
Toorop, dessen Kunst nicht vergebens nach
Vergeistigung strebte.
Das retrospektive Moment, dem heute fast alle
Ausstellungen Rechnung tragen, das zumal in
Kassel 1927 und in Venedig 1928 die schönsten
Abteilungen der Ausstellungen zeitigte, wurde
1928 auch im Münchner Glaspalast mit Erfolg
aufgenommen und ist deshalb 1929 wieder auf
dem Programm erschienen. Es galt, eine Ausstellung
von Münchner Bildnissen aus der Zeit
des barockpompösen George de Marees bis
etwa zur Münchner Frühzeit Max Slevogts, bis
zu den Münchner Bildnissen des Lovis Corinth
und zu den Frühwerken Albert Weisgerbers
durchzuführen. Et was Plastik wurde einbezogen,
darunter jene fabelhaft schöne, von der Porzellan
-Manufaktur Nvmphenburg meisterlich
ausgeführte Bildnisbüste des Grafen Haimhausen
, an der Franz Anton Bustelli, sonst nur
als Schöpfer der Komödienfiguren und Chinoi-
serien bekannt, seine erstaunliche Kunst in der
Schilderung des äußeren und inneren Menschen
bewies. Die Reihe von plastischen Bildnissen
mündete in der Kunst Adolf Hildebrands, während
bei den gemalten Bildnissen der Weg über
Edlinger, Hauber, Hickel und W. v. Kobell
zu Lenbach und Leibi, Zimmermann, Chase,
Trübner und Samberger führte. Mancher einst
vielgefeierte Modeporlrälist blieb ausgeschaltet,
dafür wurde scheinbar Fernliegendes herbeigeholt
, z. B. die von Plans v. Marees, Böcklin,
Feuerbach, Thoma und Böhle in München gemalten
Bildnisse. Sinn und Zweck dieser Ausstellung
ist, den Menschen unserer Zeit, soweit
für sie die Kunst nicht etwas „Unzeitgemäßes"
geworden ist, wieder Geschmack dafür zu
machen, sich porträtieren zu lassen ; den Künstlern
unserer Zeit aber will sie zeigen, was es
heißt, ein Porträt nicht um seiner selbst willen
zu malen, es nicht nur zum Träger irgendeines
malerischen Problems und Prinzips, sondern
zu einer wahrhaften Persönlichkeitsschilderung,
zur prägnantesten Formel einer Individualität
zu machen. So betrachtet, stehen fast alle Bildnisse
dieser Retrospektiven hoch über dem, was
man als Bildnismalerei im Glaspalast antrifft.
Unwillkürlich fällt einem der Satz ein, den vor
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