Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 359
(PDF, 106 MB)
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Gegenwart die Fähigkeit zu ihren besonderen
Leistungen aus der gleichen Quelle schöpften.
Für ihn war Kunst in ihrer höchsten Erscheinungsform
Sprachrohr überirdischer geistiger Mächte.
Blakes Grundüberzeugung war eine religiöse;
seine Aufgabe als Mensch und Künstler sah er
darin, für die Göttlichkeit der Welt Zeugnis
abzulegen. Sein System ist vom Geist der großen
religiösen Mystiker erfüllt. Schon in seinem
Vaterhaus hatte er die Bekanntschaft mit den
Schriften Swedenborgs gemacht, später haben
ihm Paracelsus und vor allen Jakob Boehme als
Führer gedient. Diesen mystischen Lehren und
der Kraft seiner Inspiration gegenüber erschien
ihm alle bloße Verstandeserkenntnis minderwertig
und verächtlich. In „Jerusalem" hat er
seinen Glauben an die alleinseligmachende Kraft
der Einbildungskraft so formuliert: „Ich kenne
kein anderes Christentum und kein anderes
Evangelium als die Freiheit von Geist und Körper,
die göttlichen Künste der Einbildungskraft zu
üben; diese enthält die wirkliche und ewige Welt,
von der dieses körperhafte Universum nur ein
schwacher Schatten ist." Ergänzend hat er seiner
Abneigung gegen den Bationalismus, der die
unmittelbar vorangegangene Periode der Aufklärung
völlig beherrscht hatte, in zwei charakteristischen
Bildschöpfungen Ausdruck verliehen.
Das eine Bild ist der „Newton", ein von schwerer
Dunkelheit überschatteter Jüngling, der auf den
Boden gebeugt seine Kreise zieht, Sinnbild der
Niedrigkeit bloßer Erfahrungs- und Verstandeskräfte
, das andere der „Nebukadnezar", der von
Gott gestürzte König, der auf allen Vieren kriecht
und Gras frißt, für Blake Symbol der vertierten
Existenz des Menschen, dessen Einbildungskraft
erloschen ist und der nur vom Verstand beherrscht
wird. Auch der geistig auf anderem Boden
Stehende fühlt angesichts dieser erschütternden
Vision, daß sich hier nicht nur eine künstlerische
Aufgabe erfüllt, sondern daß hier eine Botschaft
aus einem Beiche dunkler Ahnungen erklingt.
Blake entnahm seine Stoffe zum Teil der Bibel,
zum Teil den Dichtungen Miltons, Dantes und
Ossians, zum Teil seinen eigenen dichterischen
Erfindungen oder den Zeitereignissen; Milton
stand ihm von Anfang an nahe, auf Dante ist
er wohl durch Füßli aufmerksam geworden und
Ossian erschien ja der ganzen Zeit in einer uns
schier unfaßbar gewordenen Weise der Bibel fast
ebenbürtig. Ereignisse wie die französische Revolution
, der Siegeslauf und der Sturz Napoleons
oder wie der Aufstieg Amerikas, Zeichen einer
aus den Fugen geratenen Zeit, waren wohl geeignet
, einen Malerpoeten vom Schlage Blakes
aufs tiefste zu erregen. Welches immer der behandelte
Gegenstand ist, immer sieht die Behandlung
von aller Wirklichkeitsschilderung

W. BLAKE. MYTHOLOGISCHE SZENE

grundsätzlich ab; das Zeitentrückte und das
Aktuelle werden im gleichen Ewigkeitsstil erzählt
. Dabei ist die Zeichnung immer rein und
anmutig, der zeitliche Zusammenhang mit dem
Empire ist ersichtlich. In der Formengebung
scheut Blake das Süßliche so wenig wie das Verzerrte
, in der Komposition weder Plagiat noch
Gewaltsamkeit; ihm liegt daran, seine gottgewollte
Botschaft eindringlich und eindrucksvoll
zu verkünden und er verwendet dazu alle
Mittel einer wirksamen Rhetorik. Er biegt die
Gestalten zu rhythmischen Linien, er verstärkt
ihre Gebärden durch Vergrößerung und Wiederholung
, er arbeitet mit besonderer Vorliebe mit
Parallelen, die dem Beschauer den gesuchten
Sinn einhämmern; mit besonderem Erfolg sind
diese Kunstmittel in dem Buch Hiob verwendet,
einer seiner reifsten Schöpfungen, die durch eine
gute Faksimileausgabe auch außerhalb von England
bekannter geworden ist.

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