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eigenes städtisches Kunstmuseum. Als nun
durch den Tod von K. E. Osthaus in Hagen —
dem Begründer des Folkwanggedankens —
dessen einzigartige Sammlung vor dem Verfall
oder der Verschleuderung ins Ausland stand,
war es die Stadt Essen, die in schwerer Zeit
dank rascher Entschlußkraft und opferwilliger
Bereitschaft ihrer Bürger im Jahre 1922 die
Sammlung geschlossen übernahm und mit
dem vorhandenen Besitz vereinigte. Damit trat
Essen in die erste Reihe der deutschen Museumsstädte
. Gleichzeitig erwuchs der Stadt die
Verpflichtung, dem kostbaren Gut eine würdige
Stätte zu schaffen und den Rahmen des Übernommenen
auszuweiten.
Es wäre für alle Beteiligten, besonders aber
für den Erbauer des Museums, Professor Edmund
Körner, sehr viel leichter gewesen, den
neuen Gedanken in einer von Grund auf eigenen
und frei erschaffenen Schöpfung zu verwirklichen
. Aber die Zeitverhältnisse zwangen zur Beschränkung
, so daß dem Vorhandenen zunächst
Rechnung getragen wurde. Körners Neubau,vor-
läufig nur ein Teil der geplanten Gesamtanlage,
besteht in einem sehr geräumigen Verbindungsflügel
, der die beiden älteren, früher der Stadt geschenkten
Villen, das Karl-und Hans-Goldschmidt
Haus, die bisher die städtischen Sammlungen
bewahrten, zu einem einzigen Bau zusammenschließt
. Diese Lösung brachte es mit
sich, daß die neue Schöpfung kein nach außen
hin wirkender Monumentalbau mit imponierender
Fassade werden konnte, sondern ein von
der inneren Gliederung ausgehender Zweckbau.
Sein Sinn liegt nicht in effektvoller Silhouette,
sondern in der lebendigen Durchdringung seiner
Räume, im Ineinanderspiel von Architektur
und ausgestelltem Kunstgut. Größere Räume
wechseln mit kleineren und schließen sich ungezwungen
aneinander. Durch dieniemals starre
und doch klare Raumaufteilung, durch wechselndes
, nie prunkendes, aber durchweg edles
Material, durch die harmonisch abgestimmte
Farbbehandlung der Wände, durch die lichte
Heiterkeit, die den ganzen Bau erfülllt, herrscht
ein unerhört reiches Leben, das jeden Besucher
in seinen Bann zwingt. Der vorhandene Kunstbesitz
ist in der Art seiner Aufstellung gleichfalls
keinem System unterworfen. Altes und
Neues, Heimisches und Exotisches stehen frei
nebeneinander, wobei die innere Zusammengehörigkeit
, der künstlerische Zusammenhang
entscheidend waren. Man fühlt sich hier eher
wie in einem Privathaus als in einem Ausstellungsgebäude
. Dies Haus ist auch nicht nur zur
Besichtigung und Darstellung von Kunstwerken
gedacht, sondern der schöne Vortragssaal, der
repräsentative Festsaal, der stimmungsvolle
Kuppelraum mit G. Minnes Jünglingsbrunnen
in der Mitte, die geräumigen Umgänge lassen
erkennen, daß sich „Folkwang" jeder Art kultureller
Gemeinschaftsveranstaltungen öffnen
wird und erst mit diesen weitgesteckten Zielen
seine Aufgabe erfüllt glaubt.
Uber die einzelnen Werke des Museums braucht
hier nicht gesprochen werden, zu ihrer Hagener
Zeit war an anderer Stelle dieser Zeitschrift
ausführlich von ihnen die Rede. Nun sind die
Werke, nachdem sie jahrelangunsichtbar waren,
wieder ans Licht gebracht und lassen die Erinnerung
an den großen Kunstfreund Osthaus
neu lebendig werden, dessen zukunftschauendes
Sammlertum so starken Anteil daran hatte,
daß der neuen Kunstbewegung damals die Tore
sich öffneten. Der eine große Hauptsaal, der
im Mittelpunkt des Neubaus steht, birgt Kostbarkeit
neben Kostbarkeit, es seien nur Namen
genannt wie Monet, Renoir, Gauguin, van Gogh,
Hodler, Münch, ihnen stehen die deutschen
Meister Liebermann, Slevogt, Thoma, Trübner,
Corinth, Nolde, Rohlfs, deren Werke meist
älterer Essener Museamsbesitz sind, zum Ausgleich
gegenüber. Zwanglos gliedern sich moderne
SkuljMuren, Kleinkunst, Negerplastik
und die Erzeugnisse anderer Kulturen dem
übrigen ein.
Noch ist Folkwang ein Torso, — unvollendet
der Bau, und im ersten Beginnen die soziale
Idee, die der großen Schöpfung zugrunde
liegt. Es bleibt zu hoffen, daß die Zeit kommt,
da beides sich vollendet. Verheißende Anzeichen
für eine dereinstige Erfüllung sind da.
Anna Klapheck-Strümpell
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