Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 59. Band.1929
Seite: 391
(PDF, 106 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_59_1929/0479
in das Städtchen Merseburg an der Saale. Die
Fremde, das monotone Leben in der Gefangenschaft
haben mehr über ihn vermocht, als das
ungebundene Dasein in der Heimat. Lascaux
malte Aquarelle. Aus Langeweile und Heimweh
vielleicht. Doch er malte. — Der Krieg ist
vorbei. Die alte Unruhe kehrt nicht wieder.
Oder besser: sie hat jetzt einen Inhalt, ein Ziel.
Es entstehen jene aus Traum und lichter Schau
geborenen Bilder, in denen Paris und seine
Banlieue seltsame Revue passieren, um mit
aufgespeicherten Einnerungen eine heimliche
Ehe einzugehen. Denn all diese Flußufer, verwaisten
Marktpätze und PariserVorstadthäuser
mit den zernarbten Kaminwänden sind keine
belauerten und erhaschten Motive. Es sind
merkwürdige Reminiszenzen an Bekanntes und
Unbekanntes, Fremdes und Vertrautes. Kaum
denkbar und lebensfähig in einer anderen Atmosphäre
als in der dünnen Luftschicht dieser
Bilder, in der alles Körperliche transparent und
gebrechlich erscheint und trotzdem voll präziser
, autochthoner Gegenständlichkeit. Lascaux
malt Landschaftsarchitekturen voll stillebenhafter
Existenz und Stilleben, die so ganz und
gar nichts von dem „Bitte, recht freundlich!"
geschickt arrangierter „natures mortes" an sich
haben. Und oftmals bestehen die beiden Arten

nebeneinander auf der Leinwand. Es ist indes
nicht allein der Reiz des Gegensätzlichen, auf
dem die gelegentliche Zusammenfassung der
ihrem banalen Zweck entzogenen Objekte beruht
. Hier hat die schöpferische Fähigkeit freien
Komponierens das Wort. Lascaux wahrt die
Einheit des Bildganzen, ohne auf die kostbare
Einzelexistenz der seiner Vorstellung entsprungenen
Dinge zu verzichten. Sie leben in lyrischer
Eintracht; Blutsbrüder, die eine intime
Verwandtschaft in Farbe und Form ihre verschiedene
Herkunft und Bestimmung vergessen
läßt. Der stahlgraue Rauch eines Fabrikschlots
nimmt das Firmament breitflossig in seine Arme.
Vom unteren Bildrande her flattern ihm die
Enden eines den Rauchfahnen form verwandten
Schaltuchs entgegen! Immer ist eine geheime
Bindung zwischen den Teilen vorhanden, die
doch mehr als bloße Funktionen im Sinne ku-
bistischen Aufbaus sind und andrerseits mit
dem naiven Darstellungskanon der „peintres
populaires" nichts gemeinsam haben. Der Wirklichkeitssinn
eines Eigenbrötlers und die Phantasie
eines Poeten des Pinsels finden sich hier
in einer Person beisammen. Lascaux' Bilder
könnten Spitzwegsche Idyllen von heute sein,
entführte sie nicht E. T. A. FIofFmannscher
Geist ins Reich der Visionen. Hans Heilmaier

Phot. Galerie Simon, Patis

ELIE LASCAUX. STILLEBEN MIT STROHHUT

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