Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 60. Band.1929
Seite: 269
(PDF, 75 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_60_1929/0331
DAS KASPERLETHEATER

VON MAX POKORNY UND TILLY GAISSMAIER

Die nach dem Krieg in Deutschland gepflegten
theaterkullurellen Bestrehungen beschränkten
sich nicht bloß auf die große Bühne, sondern
suchten auch das Puppenspiel zu neuem Leben
zu entfachet). Der Zusammenbruch einer durch
Überzüchtung des Intellektuellen morsch und
müde gewordenen Zeit hatte einen neuen Sinn
für das Einfache, Ursprüngliche, organisch
Gewachsene geweckt.

Aber es blieb nicht bei der Entdeckung der
volkstümlichen und kindlichen Werte des
Puppenspiels; auch der Gebildete zeigte plötzlich
für diese uralte Miniaturform des Theaters
ein ganz persönliches Interesse, das hinter
der Lust an literarischer Schatzgräberarbeit
noch ein gewisses Gefühl für eine tiefere
Bedeutung aller Puppentheaterspielkunst vermuten
läßt. Gibt die große Bühne ein vergrößertes
, vergröbertes und damit vereinfachtes
Bild des Lebens, um den Menschen
einmal von der quälenden Vielfalt der Wirklichkeit
zu befreien und über alles Kleinliche
hinaus in eine höhere Region zu erheben, so
könnte man sagen, daß die Puppenbühne einen
ähnlichen Zweck verfolgt, nämlich auch loslösen
, befreien möchte vom Drang des Alltags,
aber auf einem ganz anderen Wege: mit allen
Mitteln der Verkleinerung, der komischen
Verniedlichung, der lachenden Verspottung
der immer so wichtigen, so wichtigtuerischen
Miene des wirklichen Lebens. Man blickt wie
durch ein umgekehrtes Opernglas in die Welt:
ungreifbar entrückt erscheinen plötzlich Geschehen
und Gestalten, das Erhabene wird zur
Miniatur, der schwere Ernst löst sich in gaukelndes
Spiel, auf die drei Finger einer Hand
gesteckt zappelt hoch und niedrig, König und
Bettler, Männlein und Weiblein, die ganze
stolze Menschenherrlichkeit daher, das starre
Lebensgesetz ist entthront — Hanswurst spielt
Zufall und spottendes Schicksal.
Den Gesetzen einer kindlichen Märchenwelt,
den Forderungen des volkstümlich Derben und
der Freude des Gebildeten an geschmacklichen
Reizen und an geistvoller Karikatur — diesen
drei Momenten in einer modernen, künstlerisch
hochwertigen Neugestaltung des Kasperletheaters
gereebt zu werden, ist kein leichtes Unternehmen
. Das von dem Münchner Bildhauer
Max Pokorny im Verein mit der Kunstgewerb-
lerin Tilly Gaissmaier geschaffene „Münchner
Künstler-Kasperle" gibt das Beispiel einer
überaus glücklichen Lösung aller in Frage
kommenden Schwierigkeiten. Als Wackerle-
Schüler ist M. Pokorny ein Künstler von Geschmack
, Kultur und außerordentlicher technischer
Schulung; hinzukommt aus persönlicher
Veranlagung eine ungebrochene Urwüchsigkeit
und ein starker Sinn für Humor und Karikatur.
So entstanden Kasperletypen von seltener
künstlerischer Qualität, rassig in der schnitzerischen
Durcharbeitung, geistvoll und originell
im Ausdruck, eine glückliche Mitte haltend
zwischen märchenhafter Phantastik, Karikatur
und volksmäßiger Derbheit, wie etwa der exotische
Höllenfürst mit Höllenhund und Hexe,
Madame Blaustrumpf und die gute Fee Angelika,
der breitmäulige Kasperle selbst und sein Eheweib
mit dem sanften Augenaufschlag, seine
behördliche Herrlichkeit, der preußische Polizist
, mit den funkelnden Augen des Gesetzes,
der gestrenge Herr Ministerialrat mit weißer
Weste und schließlich noch Krokodile und
anderes groteskes Wassergetier. T. Gaissmaier
hat diese köstliche Puppengesellschaft mit unendlicher
Liebe in phantasievolle und kostbare
Gewänder gesteckt und ein reiches Dekorationsmaterial
geschaffen, das alt und jung, Kinder
und Erwachsene unmittelbar in eine grotesk
verzauberte Miniaturwelt versetzt. Der äußere
Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben. Schon
im Jahre 1922 auf der Bayerischen Gewerbeschau
fielen diese originellen Kasperlefiguren
auf, für einen Kinderfreund in Bad Kissingen
wurden gleich 50 Figuren gefertigt, im Pocci-
jahr zeigte man das Theatermit einergelungenen
Aufführung des Schwankes „Kasperl als Porträtmaler
" der breiteren Öffentlichkeit und
jetzt ist es in den Besitz der Abteilung „Gewerbekunst
" des Bayerischen Nationalmuseums
übergegangen und kann sich dort sehen lassen
als ein ebenbürtiges Gegenstück zu der berühmten
Münchner Marionettenbühne von Paul

Brann. Reinhold Lindemann, München

269


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_60_1929/0331