http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_60_1929/0344
THEO EFFENBERGER. EINFAMILIEN- DOPPELHAUS. STRASSE N SEIT E
Werkbundausstellung Breslau
REQUISITEN
Es ist wohl das erziehlichste Moment an der
„modernen" Architektur, daß sie nicht gestattet,
mit „Requisiten" zu arbeiten. Man versucht
es manchmal, aber sogleich ist es offenkundig
und als fehlerhaft erkennbar. Denn nicht jede
Form ist als „Requisit" verwendbar — in jenem
Sinne, wie uns das Wort von der Bühne des
Theaters her geläufig ist: als ein immer zur
Hand stehendes Ding, das fast immer irgendwie
angebracht werden kann. - - Jene Formen etwa,
die der Klassizismus über die Renaissance aus
der Antike ableitete und verwendete, und die
man von ihm her in nochmaliger Ableitung als
Requisiten übernahm, waren glänzend geeignet
für eine solche Rolle: ein korinthisches oder jonisches
Kapitell, um nur ein Beispiel unter vielen
möglichen zu nennen, sind an und für sich so
ausgezeichnete Formen, daß ihnen eine ganz
außergewöhnliche ästhetische Bedeutsamkeit zukommt
, und sie auch dort noch von einer angenehmen
Wirkung sein können, wo sie gar nicht
am Platze sind.
Die Formen der modernen Architektur aber—?
Sie sind an und für sich gar nichts; die sogenannten
„ästhetischen" Werte, die aus einer Platte
oder einer stabgeteilten Glasfläche allenfalls abzulesen
wären, sind ganz primitiv. Ästhetische
Bedeutsamkeit gewinnen sie immer nur an einem
Ganzen, in dem Maße, wie sie als Teile formbildend
an diesem Größeren beteiligt sind. Man
kann darum die spezifisch modernen Formelemente
gar nicht so übernehmen, wie man ein
korinthisches Kapitell oder einen Renaissance-
Pflaster übernehmen und anwenden kann; sie
müssen sich immer jedesmal von neuem ergeben
, aus praktischen und formalen Gründen.
Nichts an ihnen kann den Blick so an sich fesseln
, daß man über einem schönen Einzelnen
das Ganze vergessen würde; sie sind für sich
gar nicht „schön". Und deshalb entdecken wir
es viel zu schnell, wenn sie irgendwo nur als
„Bequisiten" Verwendung fanden. Es kann nicht
mehr geschwindelt werden. Das ist eben das Erziehliche
. A.rch. Dr. Alfred Wenzel
280
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_60_1929/0344