Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 60. Band.1929
Seite: 294
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HILDE WAGNER-ASCHER, WIEN.

TÜLLDECKCHEN UND GESTICKTE TASCHEN

wässerter Abguß, ein geklittertes Gedankenmonstrum
? Der Expressionismus als geistige
Macht wurde mit blitzenden Waffen bekämpft,
nicht aber der Pseudoexpressionismus, der Expressionismus
als Gestus, als räsonierende, aufdringliche
und massenhaft hergestellte Fabriktype
, als Mode! Und soweit seine Parole dahin
verfälscht werden konnte, daß bei jeder disziplinlosen
Beschäftigung mit Farbe Wertvolles herauskomme
und die Kinderkritzeleien lauter
Kunstwerke seien, soweit war ja der Expressionismus
kein Gegensatz der Masse mehr,
sondern hatte sich diese seiner bemächtigt.
Bedacht muß freilich werden, daß bei der individuellen
Verstümmelung oft kein Organ für
die Kunst mehr vorhanden ist, und daß es
dann, selbst bei ernstestem Bemühen bei einem
nur verstandesmäßigen Genuß bleiben muß.
Es gehört in ihre Psychologie und muß hier
unerörtert bleiben, warum die Masse immer
bestrebt war, unter allen Umständen den Schein
der Geistigkeit zu wahren und warum sie allen

ihren Gliedern Kunstverständnis zur Pflicht
machte. Gesagt sei nur, daß durch diese Uber-
tretung des „Eines schickt sich nicht für Alle"
Kunstpflege oft zu einem lächerlichen Kurio-
sum ausartete, die Kunst selbst aber lediglich
als gesellschaftliches Ingredienz traktiert
wurde.

Daß die Approximation zur Kunst im wesentlichen
auf Äußerlichkeiten, von der Mode geformt
, beruhte, manifestiert sich schlagend in
der Reaktion unserer Tage, da sich der allgemeine
BildungsbegrifF zugunsten einer sportlichen
Orientierung jäh wandelt. Wie spontan,
wie schmerzlos geschieht die Wendung, spürbar
ist nur das Wechseln des Kleides. Die ungeistige
Mode ist da, man sammelt sich, um den
neuen „modernen" Menschen zu statuieren.
Es soll nichts gegen den Sport gesagt werden.
Wem aber— bildlich gesprochen — die Kunst
wirklich Brot war, der braucht sie nach wie
vor, dem können Volksspiele nicht das Brot
ersetzen. Das ist's, warum die Kunst durch die

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