http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gerbert1767/0151
132 Kempten.
heitsbrief. Allein, von vielen andern zu ſchwei⸗
gen, ſo iſt in Frankreich eine Streitigkeit uͤber al⸗
le alte Schriftenkammern entſtanden. Das ge⸗
lehrte Europa iſt in Feuer geſetzet worden, da
dem beruͤhmten Urkunden⸗Werke der Krieg ange⸗
kuͤndiget wird. Der Abt Raguet iſt dem P. Ger⸗
mont zu Huͤlfe gekommen, und der D. Bernard
mit den Waͤffen des P. Vitre. P. Harduin iſt
auch in den Streit gegangen, und hatte den Vor⸗
ſatz, noch weit ungeheurere Forderungs⸗Saͤtze
rechtskraͤftig zu machen. Dieſer erdichtete ſogar
eine Geſellſchaft gewiſſer Schrift⸗Verfaͤlſcher/ und
durch dieſes Hirngeſpinnſt hat er, ohne Verzug,
alle alte ſo wohl heilige als weltliche Denkmaale
verworfen, welche ſich zu ſeinen Vorurtheilen
nicht ſchickten. Zwar wurde er von ſeinen Obern durch
des P. Generals Anſehen zum Widerruf gebracht *), und
in dieſem iſt das erſte Hauptſtuͤck dieſes, wie ſolches in dem
angezogenen Werke zu leſen*): Der Verfaſſer ſtehe
in der Meynung, und behaupte ſolche Grundſaͤ⸗
tze, woraus man eine Unterſchiebung faſt aller al⸗
ten Kirchlichen und groſſen Theils weltlichen
Denkmaalen ſchlieſſen koͤnne. Selbſt der griechiſche
Grundtext des Neuen Teſtaments kam in Gefahr, und die
Sache blieb nicht bey den Kanzleyen der oͤffentlichen Urkun⸗
den allein, ſondern die Beſchuldigung des Betruges wurde
auch denen geheiligten Behaͤltniſſen der Kirche aufgebuͤrdet.
P. Germont hatte bisher nur die oͤffentliche Schriftenkam⸗
mern im Verdacht, und manchmalen ſchiene es, als wollte
er nur allein die Merovingiſchen Urkunden verdaͤchtig ma⸗
chen; dem P. Harduin hingegen war nichts von den alten
Denkmaalen zu heilig. Das Merkmaal des Alterthums
machte alles ohne Unterſchied bey ihm verdaͤchtig. Gewiß
eine
) Erſter Abſchn. Cap. 8.
*) Neue Diplomat. IJ. Band. S. 128.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gerbert1767/0151