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SEC. XVIII. O. S. B. XIII. 509
Licet hic iterum pro vocare ad I. K. Pideriti remonſtrationem ad cor- SEcuUM
pus evangelicorum de licentia, quam ſibi paſſim ſumant confeſſioni Au- XVIII.
guſtanæ addicti. Ubi ingenue fitetur, nihil adeo ſibi contrariari, quam ==
eſſe catholidum & libertinum (PFreygeiſt) ob auctoritatem eccleſiæ; ſe-
cus ac apud illos, quibus ſymbola & confeſſiones fidei ſint iugum non
ferendaum, neminique invito imponendum; quod dum tenent prote-
ſtantes, non tamen aliam rationem aut viam ipfi habent, qua ad or-
bitam revocare poſſint aberrautes. Cuius rei non unum tantum habe-
und der evangeliſchen Kirche inſanderheit. Dieſe ſind einmal feſtgeſezt. Es iſt ie-
dem, der ſich zu ihnen nicht bekennen will, erlaubt, ſich der Gemeinſchaft mit der
Kirche und denen darmit verbundenen Vortheilen zu entſchlagen. Aber wer ſich zur
Kirche bekennt, unterwirft ſich auch co ipſo ihren Geſezen, und hält ſich an das,
was ihre öffentliche Confeffion iſt. Erſtreckte ſich das Prüffungsrecht ſo weit, als es
der Herr D. ausdehnt, ſo härte ieder naſeweiſe Klugling ein Recht die Schrift auszu-
legen, wie er wollte: ſo bekämen wir Zulezt ſo viel Religionen als Köpfe: kein
Lehrer wurde mehr Gehör finden, weil es ſeine Zuhörer immer wurden beſſer wiſ-
ſen wollen; am Ende wurde die Kirche nicht mehr eine Gemeinde, ſondern ein
anarchilches Chaos, nicht mehr em Leib, ſondern ein aufgelöster Leichnam, ein
Raub der Nürmer uend der Verwefung ſeyn, und die Religion ſelbſt wurde darüber
zu Grunde gehen. Das Vorurtheil des Anfehens hat ſeine Mifsbräuche und Incon-
venienzen, wie alle menſchliche Dinge; aber es iſt unentbehrlich. Ohne Autorität
kan kein Haufweſen, kein Stant, keine Religions-Geſellichaft beſtehen. Die Men-
ſchen von dieſem Bande frey machen wollen, (ich rede hier nicht von den auſſeror-
dentlichen, die äufterſt ſelten ſind, und ihre eigne Regel haben) heiſst, das Band
aller menſchlichen Ordnung und Ruhe auflöſen wollen &c.
Confeſſionem hanc broteſtantium recte expendit auctor der freymäuthigen Betrach-
tungen nber das Chriſtenthum. p. 350. Sobald man nur etwas die Vorurtheile der Erzie-
hung, die Parthey und Menſchenfurcht bey Seiten ſezt, ſo ſieht man leicht, daſs auf ſol-
che Neiſe, ſtatt der alten menſchlichen Autorität der Concilien, ihrer Schlüſſe, und der
Kirchenväter, eine neue Menſchenautorität eingeführt wird, die mit einem nicht gerin-
gern Deſpotiſmus über den Verſtand, die Einlchten, und das Gewiſſen der Menſchen
herrſcht, als die katholiſche Kirche, über Welche man ſo bittere Klagen geführt, nur
immer hat ausüben können. Was bey dieſer die Concilien, das ſind bey den Proteſtanten
die zu Marbierg, Torgaz, und anderweitig vom f. 1529. an gehaltenen Religionsver-
ſammlungen; was bey den Katholicken die Symbolen und Concilienſchlüſſe über allerley
Lebrſätze ſind, das lind bey den broteſtunten die ſymboliſeben Bücher: was bey den
Katholicken gelagt wird, daſs man die heil. Schrift ſo auslegen, und keine andere
Sätze aus derlelben herleiten müſſe, als es den heil. Vätern der Kirche, den Concilien,
und den aus derſelben gemachten Symbolen gemäs iſt, iſt nichts anders, als wenn die
Proteſtanten ſagen, daſs man bey der Schriftauslegung darauf ſehen müſſe, daſs man
ſie nicht anders erkläre als es den Lehrſätzen unfrer ſymboliſchen Bücher gemäs iſt,
oder keine Sätze aus der Bibel herleite, die den in den ſymboliſchen Büchern ent-
haltenen Meynungen entgegen ſind. Und es iſt zwiſchen der katholiſchen und pro-
teſtantiſchen Autorität kein anderer Unterſchied, als daſs iene älter, dieſe moderner
iſt, iene ſolche, dieſe andere Lehrmeynungen beſtimmt; und das behaupten, die
heil. Schrift ſey der einzige Erkenntniſsgrund, iſt bloſer Vorwand; indem auch der
Katholick auf ſolche Weile die Schrift nicht verwirft, und ſeine von der Kirche feſt-
geſetzten Lehrſätze als ſolche anſieht, die in Gottes Wort gegründet ſind,
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