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DIE SCHRIFT UND WIE TODESSTBAFE.
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im Gegentheil mit aller Kraft sein Reich ihm zu entziehen
sucht. In seinem Reich gilt ein anderes Gesetz. »Hier ist die
Geduld und der Glauben der Heiligen," heisst es in der fast
gleichlautenden Stelle Oüenb. Joh. 13: 10. Die Geduld—harret
aus. hütet euch ja, einen jener Drachenanbeter in Gefangenschaft
zu führen oder mit dem Schwerte zu tödten, denn sonst
wird euch Gleiches mit Gleichem vergolten; der Glauben — lasst
von jenen euch gefangen nehmen und tödten, was sie euch
thun, wird ihnen wieder geschehen, das Reich muss euch doch
bleiben. Nicht näher an die Todesstrafe heran bringt uns das
Wort Christi zu Pilatus (Evg. Joh. 19: 11): du hättest keine
xMacht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben
wäre. Zwar hat Christus das Recht der irdischen Obrigkeit,
Todesstrafe zu verhängen, kaum je angezweifelt, doch mit diesen
Worten ihr auch nicht zugesprochen; dieselben zeigen
bloss, dass der Herr in seinem Sterben eine höhere göttliche
Notwendigkeit erblickt; nach seiner menschlichen Seite hin
bleibt sein Tod für ihn ein Unrecht, und was er hier seinem
Richter sagt, hätte er einem eigentlichen Mörder grad ebensogut
zurufen können; er drückt damit bloss aus: du hast die
Gewalt mich zu tödten und hast sie von Gott, drum kannst du
mir nicht mehr Ihun als Gottes Willen ist, auch unter deinen
Griffen ruhe ich in Gottes Hand. So hoch über die Mächtigsten
der Erde hinweg schaut Christus zu Gott empor. Blosse Ge-
schichlsmacherei ist der vom reuigen Schächer hergenommene
Beweis für die Todesstrafe. Es findet sich im Evangelium keine
Spur, dass Christus im Tod des Schachers eine Sühne für seine
Verbrechen erblickt und dieser ihn nicht habe entziehen wollen
, ja nicht einmal davon, dass die Reue des Schachers durch
die Todesstrafe, die er erleiden mussle, hervorgerufen worden
sei; höchstens zeigt die Erzählung, dass die Todesstrafe eine
wahre Bekehrung nicht unmöglich macht, mehr nicht. Aber
Christi eigener Tod, wird dieser nicht von Gott gefordert, von Gott
selbst, als stellvertretende Sühne für die Sünde der ganzen
Menschheit ? Und wir dürften gegen unsere Verbrecher weichlicher
, weniger sündenslreng sein, als Gott gegen seinen eigenen
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