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DIE KIRCHENGESCHICHTE IhN'D DIE TODESSTRAFE.
nem Gewissen schweres Bedenken, ein Todesurtheil, vielleicht
sein erstes, zu unterzeichnen, aber neben ihn tritt sein
nicht minder orthodoxer Hofprediger, die Bibel in der Hand
und den Orden auf der Brust, und beweist ihm im Namen
Gottes und Christi, dass der Gesalbte des Herrn das Recht und
die Pflicht habe, »ein Rächer zur Strafe zu sein über den, der
Uebels thut." So reichen wir hier weder mit Autoritäten noch
mit theologischen Standpunkten aus, um uns ein Urtheil zu bilden.
Wir müssen tiefer gründen und uns klar zu machen suchen, was
wohl der Grund sei, warum im Kampf um die Todesstrafe unsere
liebsten Autoritäten gegen einander streiten und alle theologischen
Standpunkte völlig durcheinandergewürfelt erscheinen.
Es ist behauptet und bisher noch nie widerlegt worden, dass die
älteste Kirche, die verfolgte, so gut wie einstimmig der Todesstrafe
feindlich war. Sie verwarf dieselbe nicht bloss für politische und y
religiöse Vergehen, sondern überhaupt, nicht bloss, weil man v
den Hinzurichtenden zur Augenweide eines rohen Pöbels wilden
Thieren vorwarf oder mit denselben kämpfen Hess, sondern
weil sie die Todesstrafe selbst als einen innern Widerspruch
gegen das christliche Gefühl empfand. Tertullian räth den Christen
von der Annahme eines bürgerlichen Amtes schon deshalb ab,
weil sie dadurch in den Fall kommen könnten, Blulurlheile ausfertigen
zu müssen, und fordert, dass sie nie einer Hinrichtung
beiwohnen. Er ist nicht etwa gegen alle obrigkeitliche Strafe,
sondern einzig gegen die Todesstrafe, diess nicht weniger wegen
der Möglichkeit eines Justizmordes, als aus christlichem Mitgefühl
mit dem Nächsten, der ja Seinesgleichen sei. Noch Laclan-
tius hält diejenigen, welche zu einer Todesstrafe mitwirken,
für nicht gute und nicht gerechte Menschen, ja er verbietet
seinen Glaubensgenossen sogar, da anzuklagen, wo Todesstrafe
eine Folge solcher Klage sein könnte.
Wenn wir aber die erste christliche Kirche selbst bei vorbedachtem
Mord die Todesstrafe verwerfen sehen, so dürfen
wir dabei nicht vergessen, dass über ihrem eigenen Haupte Tag
und Nacht das Richtschwert hieng, dass die damalige Todesstrafe
als ein entsetzliches Schauspiel, womit die zugleich Men-
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