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DIE KI RUHENGESCHICHTE UND DIE TODESSTRAFE.
brecher, deren Begnadigung verweigert worden war, noch auf
dem Wege zur Richlstätle mit Gewalt zu befreien, und selbst ein
Cbrysostomus billigt dieses Verfahren öffentlich. Im Grossen und
Ganzen jedoch wussten die spätem Kirchenväter, ein Ambrosius
und Augustin, recht gut die Grenzlinie einzuhalten, welche der
Einwirkung der Kirche auf den Staat, falls sie eine gesegnete
sein soll, stets gezogen .bleiben wird. Sie sprachen dem Staat
nicht mehr das Recht ab, Todesstrafe verhängen zu dürfen.
Möge jede der beiden Lebensmächle thun, was ihres Amtes ist,
der Staat das allgemeine Wohl und die öffentliche Ordnung
schützen, die Kirche dagegen der Strenge des Staates einzelne
Verurlheilte zu entziehen suchen, mit herzlicher Liebe sich zu
ihnen niederbeugen, sie emporheben und bessern. »Wir bemitleiden
," äussert Ambrosius, »wir bemitleiden den 31enschen,
wir verabscheuen aber seine Unthat; je mehr das Laster uns
missfällt, desto weniger wollen wir, dass der Lasterhafte un-
gebessert untergehe." Besonders eingehend und liebevoll beschäftigt
Augustin sich mit unserm Gegenstand. Ihm erscheinen
die Strenge welllicher Gewalt und die Fürbitte der geistlichen,
sobald sie gegenseitig einander beschränken, beide als gleichberechtigt
. Er stellt die bischöfliche Fürbitte und die nachfolgende
geistliche Pflege der Begnadigten als etwas den Dienern
Christi Geziemendes dar, »damit diejenigen, welche vom zeitlichen
Tod befreit werden, so leben, dass sie sich nicht in den
ewigen Tod, aus dem es keine Befreiung giebt, hineinstürzen."
Den wahren Beruf der Kirche fasst er zusammen in folgenden
mit acht augustinischem Wortspiel schliessenden Ausspruch:
»Zur Besserung des Wandels giebt es keinen andern Ort als
diese Erde. Deshalb werden wir aus Liebe zum menschlichen
Geschlecht gelrieben, für die Schuldigen Fürbille einzulegen,
damit sie dieses Leben nicht so enden durch den Tod der
Qual, dass, nun sie es geendet, sie nicht enden können die
Todesqual." Doch soll nicht verschwiegen bleiben, dass des
Verbrechers Seelenheil nicht das einzige Augenmerk Augustins
war oder geblieben ist. Donatisten halten in wilder religiöser
Aufregung zwei orlhodoxe Presbyter ermordet. Augustin legte
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