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DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODESSTRAFE. 45
fallen ja sowohl diejenigen, welche an eine persönliche Unsterblichkeit
glauben, wie diejenigen, welche sie läugnen, beide
wieder in Verrheidiger und Gegner der Todesstrafe aus einander
. Auch entspricht es gewiss der Erfahrung jedes Einzelnen,
wenn wir behaupten, es entscheiden die Menschen beide Fragen
, die von der Todesstrafe und die von der Unsterblichkeit,
jede für sich besonders, jede unabhängig von der andern, und
rufen erst nachträglich ihre für sich allein gebildete Ansicht
über Religion im Allgemeinen und Unsterblichkeit im Besondern
zu Hülfe, um daraus neue Stützen für ihre auf ganz
andern] Weg gewonnene Meinung über die Todesstrafe zu
schmieden. So kann für den, welcher eine persönliche Unsterblichkeit
glaubt, das irdische Leben ebensowohl einen sehr hohen
als einen geringen Werth haben, einen hohen als nimmer wiederkehrende
Vorbereilungszeit, einen geringen als blosser Eingang
zu einem bessern Dasein. Es wird daher derjenige, der
sonst schon Gegner der Todesstrafe ist, schliessen: eben weil
das Leben eine so kostbare Vorbereitungszeit, darf sie dem
Verbrecher nicht gewaltsam verkürzt werden. Der Verlheidiger
der Todesstrafe dagegen wird sagen: dieses Erdenleben ist ja
nichts für sich, es findet seine Ergänzung und Vollendung erst
in jenem bessern Dasein drüben; um so unbedenklicher dürfen
wir den Verurtheillen auch hinrichten und damit vor seinen
höhern Richter stellen; fehlten wir, waren wir zu scharf, so
wird der Droben das Recht wieder herstellen, Wunden heilen, gut
machen, was wir besser zu machen nicht vermochten. Und grad
ebenso hat auch für den, welcher eine persönliche Unsterblichkeit
nicht annimmt, das Leben bald einen ungeheuren Werth,
bald so gut wie gar keinen, den sehr grossen, weil nichts mehr
drauf folgt, den kleinen, weil der Mensch nicht höher stehe als
das Thier und sein Tod nicht schwerer wiege als der einer
Mücke, und darum wird von zwei die persönliche Unsterblichkeit
Verwerfenden der eine den Verbrecher ebenso ängstlich
vor dem Tod zu bewahren suchen, als ihm der zweite denselben
gleichgültig zumisst. Wie sehr unsere Ansicht von der
Todesstrafe unabhängig ist von unserer Vorstellung über das
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