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DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UNO DIE TODESSTRAFE. 47
A. Der theo/sratische Beweis.
Dieser beruht auf folgenden Sätzen: die Obrigkeit ist Gottes
Dienerin; Gott straft theils unmittelbar selbst, theils mittelbar
durch die Obrigkeit; der Zweck der Strafe ist, der Gerechtigkeit
Goltes ein Genüge zu thun und sie wieder herzustellen,
also ein rückwirkender; diese göllliche Gerechtigkeit kann, wo
ein Mord vorliegt, nur durch Tödlung des Mörders befriedigt
und wiederhergestellt werden; so fordert die Gerechtigkeit
Gottes von der Obrigkeit die Todesstrafe.
Wir haben hier eine Anschauung vor uns, welcher auf das sorgfältigste
Rücksicht und Rechnung zu tragen ist; denn tief in das
Bewusslsein des Volkes, ja in seine Silllichkeit hinein hat sie Wurzeln
geschlagen, auch wird ihr durch den religiösen Jugendunterricht
immer neue Nahrung zugeführt. Bei ihrer Widerlegung
werden wir vor Allein aus dafür zu sorgen haben, dass nicht zugleich
mit ihr ein Slück volkslhümlicher Silllichkeit zerstört werde.
Von verschiedenen Seilen hat man dieser theokralischen Begründung
der Todesstrafe beizukommen gesucht. Man bestritt,
dass die Obrigkeit Gottes Dienerin sei; der Slaat sei nicht dazu
da, um göllliche Gesetze auszuführen, sondern habe seine besondere
Aufgabe. Allein mit dieser kurzen Abfertigung wird
Römer 15: 1—4 noch lange nicht aus dem Volksgewissen
herausgeworfen oder dann zugleich mit Römer 13: 1—4 auch
die bisherige Annahme des Volkes, dass die Obrigkeit überhaupt
ein Recht habe zu beslehn: »will sie nichl mehr Gottes Dienerin
sein, so soll sie uns auch nicht mehr befehlen." Man
beanstandet ferner die Arbeitsteilung zwischen göttlichen und
obrigkeitlichen Strafen; man sagt, sie sei nicht durchführbar,
auch werfe sie auf Gott den Schein, als bringe er ohne die Hülfe
der irdischen Obrigkeilen sein Wellregiment nicht fertig. Aber
aus diesen Anzweiflungen zieht das Volk einfach den Schluss:
»also hat die Obrigkeit kein Recht zu strafen, Gott einzig hat
zu regieren und zu strafen"! Es giebt unseres Erachlens nur
einen Punkt, von dem aus der theokratische Beweis für die
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