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DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODESSTRAFE. 49
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und über jeden Menschen, der es verletzt, mit Notwendigkeit
sich ergiesst. Wozu nun diese sich selbst vollziehenden Gesetze
Gottes? Um den Menschen zu verderben oder um ihn zu bessern
? Zunächst Keines von Beiden. Allerdings stürmt Mancher
trotzig und unabtreiblich gegen eine oder gegen mehrere Ordnungen
Gottes an, bis er an ihnen seinen Frieden, sein Glück, seine
Gesundheit, sein Leben zertrümmert. Wenn aber dieses Letzte
eintritt, dann dürfen wir wohl sagen: nicht Gott hat das Todes-
urtheil über jenen Menschen ausgesprochen, sondern er hat es
sich selbst geschrieben, selbst unterzeichnet, selbst vollzogen.
Gott straft keinen Menschen mit dem Tod; was an seinem Tod
Strafe d. h. Folge der Sünde ist, das hat der Mensch sich
selbst genommen und auf sich herabbeschworen — der Stachel
des Todes ist die Sünde. Gott straft aber auch nicht, um zu
bessern. Wohl mag mancher Uebertreter des Gesetzes Gottes,
geschlagen durch die unheilvollen Folgen seiner Uebertrelung,
in sich gegangen sein, sich bekehrt, Gottes heiliger Ordnung
sich unterworfen haben. Er wird daher, rückwärts blickend in,
der erfahrenen Züchtigung Gottes rettende Liebe schauen.
Mit allem Recht. Da Gott die Liebe ist, so sind für seine Kinder
seine Ordnungen lauter Segen, Zuchtmeister auf Christum,
heilsame Schranken, vorgesteckte Ziele. Man vergleiche nochmals
1 Cor. 11: 32. Allein wenn auch der eine Mensch am
Gesetz Gottes sich den zeitlichen Tod, der andere das ewige
Leben holt, so ist doch weder Vernichtung noch Rettung der
Menschen des Gesetzes letzter und obersler Zweck; vielmehr
ist alle Strafe Gottes zunächst nur dazu da, um Gottes Weltordnung
aufrecht zu halten. Diese ewigen Ordnungen Gottes
ragen wie Felsen aus dem Meer brausenden Menschendaseins
empor, und so oft dieses Meer sie auch hat hinwegspülen wollen,
an ihnen aufbrandend und sie einen Augenblick verhüllend,
immer hat es wieder machtlos zurücksinken müssen, und da
standen jene Felsen nur noch heller und glänzender. Diese
wirkliche Strafe Gottes ist keine Rache, sie greift nie weiter
als nöthig ist, um ihren eigenthümlichen Zweck zu erfüllen und
die Ordnung und die Ordnungen, m. e. W. die Weltordnung
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