http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gotthelf1870/0060
52 DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODESSTRAFE.
Verbrecher auch ohne ihn zu tödten, für das Gemeinwesen für-
der unschädlich zu machen. War die Todesstrafe dort eine
traurige Nothwendigkeit, so wird sie hier zur unnöthigen und
zwecklosen Grausamkeit.
Wir glauben, dieser Grundsatz von relativen Strafmitteln bei
absolutem Slrafzweck sei für unser Volk ein fruchtbarer und
folgenreicher.
1. Geht er mit dem Volke von den gleichen Voraussetzungen
aus, davon, dass sowohl die Obrigkeit selbst wie ihr Recht zu
strafen göttlicher Ordnung sei.
2. Vertieft er des Volkes Einsicht in Wesen und Zweck der
Strafe überhaupt.
3. Lässt sich sehr leicht geschichtlich nachweisen, dass von
jeher, auch ohne sich dessen bewusst zu sein, alle Obrigkeiten
der Erde nach diesem Grundsatz verfahren sind.
4. Kann dem Volke die Furcht vor Aufhebung der Todesstrafe
dadurch benommen werden, dass man zeigt, wie die
Todesstrafe, einmal auf den Boden der Zweckmässigkeit oder
Unzweckmässigkeit gestellt, nie zu früh, eher stets zu spät
werde abgeschafft werden. Denn in der That, da hat die Todesstrafe
immer zuerst die ganze Macht, welche das Bestehende
über die Gemülher ausübt, für sich, ferner die konservative
Partei, welche die Stärke des Staates unterschätzt und daher
von jeder Veränderung seine Auflösung fürchtet; bis nun die
liberale Partei im Volk, welche die Stärke des Staates zu überschätzen
geneigt ist, jenen beiden gewaltigen Vertheidigern der
Todesstrafe deren Aufhebung abgerungen haben wird, läuft
das Gemeinwesen, nun vorbereitet, längst die Gefahr nicht mehr,
welche die Abschaffung der Todesstrafe aus bloss theoretischen
Gründen ihm hätte bereiten können.
5. Endlich wird noch darauf hinzuweisen sein, dass jedes
Volk, das frei aus sich heraus die Todesstrafe aufgehoben hat,
gleich nach gefasstem Beschluss die Verschonung des Verbrechers
mit dem Tod nicht bloss als eine menschliche Massregel
, sondern als ganz entschiedenen Willen Gottes und das
Gegenlheil als Sünde gegen ihn empfunden hat. So werden die
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gotthelf1870/0060