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56 DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODESSTRAFE.

scheint sich, freilich aus verschiedenen Beweggründen und in
ungleicher Absicht die einzelnen, verschworen zu haben, solche
Rettung zu verhindern und über alle Hindernisse hinweg jenen
Wehrlosen vom Leben zum Tode zu bringen. Während dieser
ganzen bangen Zeit hat das Gemüth des Moralisten, das besser
ist als sein Verstand, unaufhörlich zwischen Furcht und Hoffnung
geschwebt, aber nicht in Furcht und Hoffnung um seine
Theorie von der innern Notwendigkeit der Todesstrafe, sondern
in Furcht und Hoffnung um das Leben jenes Unseligen.
Dass der Fürst das Urlheil bestätigt, ist ihm ein Schlag; seine
Vollstreckung sieht er nicht mit an. Am Morgen der Hinrichtung
schliesst er sich ein und bittet Gott, er möge ihn davor
bewahren, nochmals auf Tod erkennen zu müssen. So nolh-
wendig, so sehr mit dem Verbrechen in unlösbaren Zusammenhang
erscheint ihm jetzt die Todesstrafe!

3. Endlich lehrt die Erfahrung, dass Mord und Todesstrafe
nur ganz von ferne eine gewisse Aehnlichkeit mit einander haben,
diejenige der Blutsverwandtschaft. Wahrhaftig, die erste beste
Blutrache ist wie innerlich nolhwendiger so auch dem Mord
ähnlicher als die Todesstrafe. In allen einzelnen Zügen bietet
die moderne Todesstrafe ein von jedem Mord völlig verschiedenes
Bild dar, und was noch schlimmer ist, die Strafe erreicht
den wahren Silz der Sünde gar nicht. Der Sitz des Verbrechens
liegt in der Seele, je raffinirler, je moralisch schuldiger
ein Mord, desto mehr hat er alle Seelenkräfte des Mörders
angespannt; die Todesstrafe schlägt nur den Leib. Einer, sehr
roh und verdorben, daneben starknervig, ein alter Soldat, wird,
von der Strafe innerlich gar nicht berührt, seine Hinrichtung
mit Heldenmuth bestehen. Ein Zweiter vermag an nichts mehr
zu sinnen, als an seine ihm so nahe bevorstehende körperliche
Vernichtung, nicht an sein Verbrechen und nicht an seine Seele.
Ein Dritter unterwirft sich grimmig, das Herz voll Erbitterung,
dass ihm sein Leben lang lauter Unrecht geschehen sei, von
seinem ersten Tage an bis zu diesem. Ein Vierter endlich legt
willig und ergeben sein Haupt auf den Block, aber auch hier
dringt das Hichtschwerl nicht bis zur Seele hindurch, diese


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