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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gotthelf1870/0070
62 DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODESSTRAFE.

dem Einen und Andern ihren Trolz gebrochen, sie zerknirscht,
sie zur Reue oder wenigstens zum Geständniss gebracht. Wohl
hat es auch schon, doch wohl nur bei schon früher Bekehrten,
»selige letzte Stunden hingerichteter Personen" gegeben. Dagegen
liegt wohl kein einziger Fall vor, dass ein bereuender Verbrecher
— und dieser einzig ist hier kompetent — durchaus nur
durch sein Sterben und nicht auch durch sein Leben seine
That sühnen zu können gemeint hätte. Zwar wird der bereuende
Verbrecher seine Strafe als eine verdiente und gerechte
hinnehmen, mit innerer Beugung sich derselben unterwerfen,
»unter solhanen Umständen" sich sogar einreden, der Tod sei
das Beste für ihn, wohl auch das Wort Sühne in den Mund
nehmen und aussprechen, ohne von diesem, ihm bisher völlig
fremden Begriff mehr zu verstehen, als die Geistlichen, die ihm
deuselben eingeben. Aber mehr wird auch der bereuende Verbrecher
nicht thun. Lasst nur den geringsten Hoffnungsstrahl
durch das Gitter seiner Zelle niederleucbten und sehet zu, ob
er nicht begierig danach schaut, ob ihm sein Leben nicht
plötzlich wieder lieb, ach so unsagbar lieb ist und es ihn
viel schöner dünkt, seine Sühne lebend darzubringen. Solche
schnelle Stimmungswechsel im Gemülhe verurlheiller Mörder
, solch unwiderstehliches Wiederaufbrecheu der Lebenslust
kann auslröstende Geistliche in helle Verzweiflung versetzen.
Sollte es aber nicht, denn es ist so natürlich, viel natürlicher
und gesünder als das Gegeutheil. Was nun einmal sein muss,
das muss sein. Der Reuige wird es tragen, er wird alle so
naheliegenden Gedanken an Selbstmord, Flucht oder an ein Errel-
tungswunder, sogar die entsetzliche Nervenqual seiner letzten
Stunden, von deren Grösse sich nur die Wenigsten einen klaren
Begriff zu machen scheinen, mannhaft niederkämpfen, er wird
— und das ist schon sehr viel—eine sich bielende Gelegenheil
zur Flucht unbenutzt lassen. Mehr nicht. Isl nicht dieses schon
zu viel? Braucht ein Mensch, der dem Gericht Gottes so weil
sich übergeben hat, noch getödlet zu werden? Schlägl durch
jede Hinrichtung eines Bereuenden nicht die Obrigkeit sich selbst
in's Gesicht? Ist nicht jeder begnadigle Mörder, der freiwillig


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