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64 DIE THEOLOGISCHE SPEKULATION UND DIE TODDESSTAFE.

des Verbrechers hinein, mag bei Einzelnen dem bessern Selbst
zur Oberhand verhelfen, ruft hauptsächlich Empfindungen wach
und schliesst damit ab. Eine Bekehrung im Angesicht des Schäf-
fots ist das Ideal der landläufigen, protestantischen Bekehrung:
unendliche Schuld von Seiten des Verbrechers, unendliche Gnade
von Seiten Gottes, Bekehrung, Tod — ein leibhaftes Traktätchen!
Es ist hohe Zeit, dass wir uns in diesem Punkt mit der katholischen
Kirche wieder auf einen gemeinsamen Boden begeben,
ebenfalls Früchte der Busse fordern und nur darüber wachen,
dass es wirkliche Früchte bleiben, das will sagen, dass sie aus
der Busse hervorgehen und von reiner Liebe zu Gott getragen
seien. Damit vertiefen wir dann auch unsern Begriff von Sühne. 1
Die bisherige Sühne bestand bloss darin, dass der Uebellhäter
diejenigen Seelenkräfte, welche er zur Verübung seines Verbrechens
gebraucht, erst brach liegen und dann vernichten liess; die s
Sühne der Zukunft wird darauf ausgehen, eben die Seelenkräfte,
die bisher zur bösen That sich zusammengespannt haben, zum
Thun des Guten aufzurufen, anzuspannen und dabei zu erhal- 1
len. Diess ist offenbar mehr, und wenn auch nie eine Sühne im
eigentlichen Sinne dieses Wortes möglich ist, so kommt doch
die zweite Art von Busse derselben näher, als die erste.

Damit sind aber diejenigen, welche die Todesstrafe vom psychologischen
Standpunkt aus verlheidigen, noch nicht geschlagen.
Sie geben vielleicht zu, dass diese positive Busse über der bloss
negativen stehe, bestreiten aber dem Mörder die Möglichkeit eine i
solche positive Busse zu thun und ziehen daher die freilich unsichere
negative Busse der sicher unmöglichen positiven vor. Denn,
sagen sie, was soll an die Stelle der abgeschafften Todesstrafe
treten? Lebenswierige Strafhaft. Allein hat man nicht Beispiele
die Menge, dass Manche, sei's infolge der schlechten Zuchlhaus-
gesellschaft, sei's wegen roher Behandlung und allgemeiner Verachtung
, sei's aus wachsender innerer Verbitterung hier erst recht
schlecht wurden, dass Andere in dem tödtlichen Einerlei ohne
Aussicht und ohne Hoffnung verthieren und jede sittliche That-
kraft einbüssen, dass endlich Einzelne am Ende gar nicht mehr
fähig sind, fromme Gefühle, welche sie einmal gehegt haben, neu


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